Rot am See · Verbrechen

Schwerverletzte klingelt bei Nachbar und sucht Hilfe

Nach der Bluttat in Rot am See werden weitere Details bekannt. Der mutmaßliche Täter sitzt inzwischen in Untersuchungshaft.

27.01.2020

Von CHRISTINE HOFMANN

Auch zwei Tage nach den tödlichen Schüssen in Rot am See auf sechs Menschen ist das Motiv des mutmaßlichen Täters weiterhin unklar. Ein schwerverletztes Opfer schwebt weiterhin in Lebensgefahr. Foto: Tom Weller

Rot am See. Am Samstagmorgen beginnen die Aufräumarbeiten. Mitglieder der Feuerwehr Rot am See reinigen Straße, Gehweg und Hofeinfahrten und beseitigen die Spuren des Familiendramas. Am Tag zuvor hatte der 26-jährige Adrian S. seine Eltern, Tante und Onkel sowie zwei Stiefgeschwister erschossen und zwei weitere Personen mit Schüssen schwer verletzt. In der Bahnhofstraße in Rot am See kam es zu einem Großaufgebot von Polizei und Ermittlern sowie Rettungskräften.

Zur selben Zeit wird der in Verdacht stehende Täter dem Ermittlungsrichter vorgeführt. Dieser erlässt Haftbefehl gegen den 26-Jährigen wegen sechsfachen Mordes und versuchten Mordes in zwei Fällen. „Der Haftbefehl wurde sofort in Vollzug gesetzt. Der Beschuldigte befindet sich in einer Justizvollzugsanstalt“, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Ellwangen und des Polizeipräsidiums Aalen.

Erst am Tag danach werden Details zur Tat bekannt. Viele Fragen bleiben trotzdem unbeantwortet. Unter den Helfern, die die Spuren beseitigen, ist auch Alfred Fetzer, Kommandant der Feuerwehr Rot am See. Er wohnt im Haus gegenüber der Gaststätte „Deutscher Kaiser“, in dem sich die Bluttat abgespielt hat. Im selben Haus ist sein Planungsbüro für Gebäude- und Elektrotechnik untergebracht. Seine Mitarbeiter haben am Freitagmittag die Schüsse aus dem Nachbarhaus gehört. „Sie dachten, bei einem Lagerhaus in der Nähe wird etwas abgeladen. An Schüsse hat niemand gedacht“, berichtet Fetzer.

Wenig später klingelte eine schwerverletzte Frau an der Haustür auf der Suche nach Hilfe. Jetzt war klar: Die Mitarbeiter hatten Schüsse gehört und diese Schüsse hatten Menschen getötet und verletzt. Als kurz darauf ein Schulbus am Bahnhof hielt, reagierte ein Mitarbeiter geistesgegenwärtig. Er warnte den Busfahrer, dass nur wenige Meter entfernt geschossen werde. „Der Busfahrer hat sofort reagiert und die Türen verriegelt“, sagt Fetzer.

Auch die Fahrgäste, die aus dem gerade eingefahrenen Zug ausgestiegen waren und die Bahnhofstraße herunter laufen wollten, informierten Fetzers Mitarbeiter. „Es war wichtig, dass sich niemand in Gefahr bringt.“ Die Polizei war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor Ort.

Als Polizei und Rettungskräfte in der Bahnhofstraße eintrafen, übernahmen sie die Versorgung der verletzten Frau und kümmerten sich um den schwerverletzten Mann, für die Mitarbeiter des Planungsbüros bereits erste Hilfe geleistet hatten. Die Mitarbeiter, die beobachteten, wie Adrian S. aus dem Fenster stieg und sich mit erhobenen Händen auf dem Gehweg niederkniete und auf das Eintreffen der Polizei wartete, wurden als Zeugen verhört.

„Meiner Einschätzung nach haben die unterschiedlichen Einsatzkräfte sehr gut zusammengearbeitet“, sagt der Feuerwehrkommandant, der später von Ermittlern im Schutzanzug zum Tatort gebracht wurde, um die sechs Leichen zu identifizieren. Er kannte die Opferfamilie gut – nicht nur als Nachbar, sondern auch weil der Vater des 26-Jährigen viele Jahre Mitglied der Feuerwehr Rot am See war. Auch um die Einsatzkräfte sorgte sich Familie Fetzer an diesem Unglückstag: Sie wurden bis spät in die Nacht hinein in ihrer Küche verpflegt.

Die Ermittlungen zu dem Fall gehen auch am Wochenende weiter weiter. Die Beamten wollen nach Motiven für das Verbrechen suchen. Auch der Anlass für das Aufeinandertreffen der Verwandten sei noch unklar, sagte ein Polizeisprecher. Nach dpa-Informationen war der Hintergrund die für Samstag geplante Beerdigung der Großmutter des 26-Jährigen mütterlicherseits in Sachsen.

Der angeschossene 68-Jährige schwebt immer noch in Lebensgefahr. An dem kritischen Zustand habe sich nichts verändert, sagte ein Sprecher der Polizei am Sonntag. Eine Frau, vermutlich die Ehefrau des Schwerstverletzten, wurde ebenfalls wegen Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt.

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Erstellt:
27. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2020, 06:00 Uhr

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