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Schweine stressfrei schlachten?
Ein Schwein im „Wartestall“ des Ulmer Schweinefleischzentrums, bevor es mit den anderen zur CO -Betäubung getrieben wird. 2 Foto: Matthias Kessler
Tierrechtsorganisation Peta zeigt Schlachthöfe in Baden-Württemberg  an

Schweine stressfrei schlachten?

Die CO-Betäubung von Schweinen verstoße gegen das Tierschutzgesetz, sagt Peta. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit die Anzeige.

06.08.2016
  • WOLF H. GOLDSCHMITT CAROLIN STÜWE

Ulm/Mannheim. Wenn Schweine in eine Gondel getrieben werden, dann hat das mit Wasserromantik nichts zu tun. Es sei vielmehr die Hölle für das Borstenvieh, sagt Edmund Haferbeck von der Tierrechtsorganisation Peta. 300 000 Schweine werden jährlich im Mannheimer Fleischversorgungszentrum (FVZ) und 670 000 im Ulmer Schweinefleischzentrum (SFZ) mit Hilfe eines Verfahrens geschlachtet, bei dem die Tiere zunächst mit Kohlendioxid betäubt werden. Dabei sollen sie nach Peta-Angaben große Qualen erleiden. An rund 300 Tagen im Jahr schicken die Schlachthöfe die Schweine in den umstrittenen Kohlendioxid-Schacht.

„Der Hauptvorteil liegt in einer effizienten Gruppenbetäubung mit wenig Personaleinsatz. Die CO-Methode steht in der Kritik, weil die Betäubung nicht sofort eintritt und die Tiere bei der Einleitung Atemnot-Symptome und ein starkes Abwehrverhalten zeigen“, heißt es im Tierschutzbericht der Bundesregierung. Haferbeck will mit einer Strafanzeige diesem „inhumanen Verfahren“ einen Riegel vorschieben. Die CO-Betäuber fügten den Tieren unnötiges Leid zu und verstießen damit gegen Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes, sagt der Peta-Vertreter.

20 Sekunden dauert die Betäubungsmethode bei Schweinen mit Kohlendioxid, bis die meisten Tiere bewusstlos sind, so Peta. Weit über 500 sind es in den Großbetrieben pro Stunde. Bei diesem fabrikmäßigen Schlachten werden gleich mehrere Tiere in eine mechanische Gondel getrieben. Nach dem Transport ist dies der erste Ort, den die Schweine nach der Mast erleben. Die verängstigten Tiere werden dann in eine Grube mit Kohlendioxid herabgelassen. Sie versuchen, dem Reizgas zu entkommen, das ihre Schleimhäute angreift. Da das Verfahren nicht hundertprozentig funktioniere, seien viele Schweine trotz Betäubung noch bei Bewusstsein, wenn sie in ein heißes Brühbad geworfen werden, sagt Haferbeck. Allein aus Kostengründen käme hier der Tierschutz unter die Räder, da es alternative Methoden gäbe, sagt Peta. Die Staatsanwaltschaften Ulm und Mannheim ermitteln inzwischen.

Der Mannheimer Schlachthofdirektor sieht sich im Recht. Stefan Kampa, Geschäftsführer des FVZ teilte mit, dass bisher niemand auf ihn oder den Betrieb zugegangen sei. Die jetzige Betäubung sei seit Jahren Praxis. Das Beimengen von Edelgasen zur möglichen Verbesserung tierschutzrelevanter Parameter sei erst im Modellversuch. Man stehe möglichen Veränderungen in der Zusammensetzung des gasförmigen Betäubungsmediums aufgeschlossen gegenüber. „Die Behauptung, die Branche verwehre sich einer solchen Entwicklung lediglich aus wirtschaftlichen Gründen, weise ich als verantwortungsvoller Geschäftsführer entschieden von mir. Auch den von Ihnen verwendeten Begriff Akkordschlachten finde ich tendenziös. Jeder Wirtschaftsbetrieb, der produziert, hat eine gewisse Taktung. Bei uns werden in der Stunde 180 Schweine handwerklich sauber geschlachtet, ohne den Makel der Industrieabfertigung“, so Kampa.

In der 18seitigen Strafanzeige führt Peta detailliert aus, dass die Kohlendioxid-Schlachtung mit erheblichen Streßfaktoren für die Tiere verbunden ist. „Alle wissen dies, vor allem die Schlachtbranche, natürlich auch der Gesetzgeber und die Wissenschaft. CO ist billig und problemlos in großen Mengen herzustellen“, sagt er. Es sei aber auch Fakt, dass die Zuführung von Edelgasen wie etwa Helium oder Argon zu einer erheblichen Verbesserung der Zustände im Schlachthof zugunsten der Schweine führe, begleitet von anderen Massnahmen wie weniger in die Gondel zu schicken.

Martin von Wenzlawowisz, Fachtierarzt für Betäubung und Schlachtung beim Beratungs- und Schulungsinstitut für Tierschutz bei Transport und Schlachtung, sagt, die Fehlerquote könne bei bis zu fünf Prozent liegen. Im ungünstigsten Fall also würden Tiere kurzfristig aus der Ohnmacht vor dem Tod erwachen und dann lebendig in die 62 Grad heiße Brühe getaucht werden, bevor sie in die Kratzmaschine kommen, wo die Borsten abgekratzt werden. Dann folge die Abflammanlage, um die restlichen Borsten abzukriegen. „Die Schweine, die in der Brühanlage sterben, erleiden vorher einen Kreislaufzusammenbruch“, sagt der Experte.

In Ulm werden die Schweine schon seit 2001 vor der Schlachtung gruppenweise mit Kohlendioxid (CO) betäubt. Mit dieser Schlachtung habe sich die Fleischqualität verbessert, sind die Metzger überzeugt. Stephan Lange, der Geschäftsführer des Ulmer Schweinefleischzentrums, betonte auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE: „Die Verwendung von COist eine zugelassene Methode für das Tierschutzlabel Schweinefleisch des Deutschen Tierschutzbundes, und unsere Schweineschlachtung ist unter anderem vom Tierschutzbund dafür auditiert und zugelassen.“ Ein Veterinär überwache mehrmals täglich die „ordnungsgemäße Durchführung und Wirksamkeit“ des mindestens 180 Sekunden dauernden Betäubungsvorgangs. Und momentan müsse ein Veterinär auch für die ermittelnde Staatsanwaltschaft dahingehend eine Stellungnahme abgeben.

„Aktuell sind wir davon überzeugt, dass die CO Methode – richtig angewendet – die beste Methode für den Tierschutz und die Produktqualität ist“, sagt der Ulmer Geschäftsführer. Dennoch behielten seine Experten die Laborversuche im Auge. „Sollte es wirklich Verbesserungen geben, prüfen wir diese ernsthaft.“

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06.08.2016, 06:00 Uhr
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