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Bühne

Schwärzeste Seelentiefen

Er belehrt nicht, er zeigt: Claus Peymann kehrt mit „König Lear“ nach Stuttgart zurück und erntet viel Beifall für sein Ensembletheater alter Schule.

26.02.2018

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Der 80-jährige Burgschauspieler Martin Schwab ist König Lear. Hier mit Lea Ruckpaul, die seine Tochter Cordelia und auch Lears Begleiter, den Narren, spielt. Foto: Thomas Aurin

Endlich mal wieder richtiges Theater? Claus Peymann, fast fünf Jahrzehnte lang Herrscher an den großen Bühnen, ist nach seinem Abschied vom Berliner Ensemble nun als König Ohneland unterwegs. Da passt ein Stück wie „König Lear“, das von einem vertriebenen Monarchen handelt, gut dazu. Jetzt, mit 80 Jahren, kehrt Peymann nach Stuttgart zurück, wo er 1974 bis 1979 Schauspielchef war – und wo ihn eine treue Fangemeinde bis heute verehrt. Am Freitag war Premiere.

Viele längst postdramatisch geschulten Stuttgarter Zuschauer mussten sich da erstmal die Augen reiben. Denn Peymann, so scheint es, macht Theater aus einer anderen Zeit. Geht das, Shakespeares „König Lear“ – so ganz ohne die szeneüblichen Must-Haves? Ohne Video, ohne Text-Umbauten, ohne gender-korrigierte Frau in der Titelrolle? Statt dessen Schauspieler, die völlig old-school-mäßig vorgegebene Rollen spielen? Kein Wunder, dass Peymanns Stil von Teilen der Berliner Kritik als hoffnungslos „outdated“ belächelt wurde. Doch sein Haus am Schiffbauerdamm war immer voll.

Wir sehen also in Stuttgart „König Lear“ – pur, ohne Tralala. Wacker bis großartig gespielt. Textnah und verständlich. Teils wild, furios, berührend. Pathos? Nein. Viel eher subtile Empathie. Die Bühne – konzipiert von Karl-Ernst Herrmann, einem Weggefährten aus Stuttgarter Zeit – ist leer, düster, fensterlos. Das alles sein kann: Palast, Kerker, Nacht, Vorhof zur Hölle. In der Mitte hängt an einem Haken die golden funkelnde Krone. Das ist alles. Karges Blackbox-Theater. Nur ab und zu lässt es Peymann krachen, fährt Donner und Blitz, Nebel und Sturmgeheul auf. Und schockt fast splattermäßig, wenn Cornwall die ausgekratzten Augen Glosters auf den Boden klatscht. Manchmal hängt es auch durch, dieses Tür-auf-Tür-zu-Theater. Doch statt grandioser Weltuntergangsstimmung erzählt Peymann von menschlichem Versagen. Von Gier, Ausgrenzung, Eitelkeit. Von Mord und Totschlag. Er belehrt nicht, er zeigt. Stellt seine Figuren nicht bloß, sondern schildert sie in all ihren Deformationen und Verletzungen. Altersmilde Melancholie? Vielleicht. Nur das Wort zählt. Und die Stille.

Martin Schwab ist König Lear. Der 80-jährige Burgschauspieler, auch ein Weggefährte aus Peymanns Stuttgarter Zeit, lässt seine Figur irrlichtern. Sein Lear ist kein Klischee-Fiesling, eher ein Familienfürst, der sich im weißen Anzug aufs Rentnerdasein freut. Oder ein böses, altgewordenes Kind, das mit den Füßen trampelt, wenn sein Wille nicht geschieht. Später ein aussortierter Greis, elend, dem Wahnsinn nahe. Doch zunächst ist es ein eitler, peinlicher Papa Lear, der seine Töchter orgelpfeifenmäßig gruppiert. Der aber nach langem Königs-Berufsleben als abwesender Vater keinen Schimmer hat, was seine drei Gören so umtreibt. Zwei davon – Goneril (Manja Kuhl) und Regan (Caroline Junghanns) – umsäuseln ihn als Erblasser, um ihn dann eiskalt zu entsorgen. Die dritte Tochter Cordelia, bei Lea Ruckpaul eine kantige, spröde Maid, wird enterbt, weil sie nicht auf Kommando schleimen will. Ruckpaul spielt auch den Narren, Lears Begleiter – als altkluges Wesen, das die von Peymann-Freund Peter Handke übersetzten Narrenlieder singt, bizarr, mit altenglischem Flair. Ein kluger Regiekniff: So hat Lear seinen närrischen Widerpart um sich – und den Geist seiner verstoßenen Tochter obendrein.

Große erzählerische Kraft

Gloster (Elmar Roloff) ist die große Parallelfigur zu Lear: auch ein Vater, der nicht kapieren will, was seine Söhne treiben, wie Edmund (Jannik Mühlenweg) den eigenen Bruder Edgar (Lukas T. Sperber) in den Irrsinn treibt. Dass dieser Edgar zeitweise schwäbelt: Schwamm drüber. Nehmen wir's als kleinen Wink Peymanns Richtung Stuttgart.

Gespielt wird die alte Baudissin-Fassung, die Jutta Ferbers mit Reizvokabeln wie „Staatsfeind“, „Terrorist“ und „Gutmensch“ aufgepeppt hat. Alles in allem: Theater, das man als gestrig empfinden kann. Oder als angenehm zeitgeistfern. Weil es in dreieinhalb Stunden eine große erzählerische Kraft entfaltet. Kein glorioser Knaller. Spektakulär ist hier nicht das Drumrum, sondern der fein gewebte Inhalt, der zuweilen heiter kopfschüttelnde Blick ins Allzu-Menschliche, in schwärzeste Seelentiefen, tauglich auch als Diagnose in finsterer Zeit. Eine Altmeister-Gang um die 80 – Peymann, Schwab und Herrmann – zeigt nochmal, wie gut gearbeitetes Theater mit einem bestens spielgelaunten Ensemble aussehen kann. Ein, zwei Buhs und lang anhaltender Beifall.

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Erstellt:
26. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Februar 2018, 06:00 Uhr

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