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Boom am Bosporus ist vorbei

Schwächelnde türkische Wirtschaft verdüstert Aussichten von Staatspräsident Erdogan

Die Türkei erlebte in den vergangenen Jahren eine Zeit der wirtschaftlichen Blüte. Doch das Wachstum ist mittlerweile vorbei. Was das für die Wahl am kommenden Sonntag heißt, ist noch ungewiss.

30.10.2015
  • GERD HÖHLER

Istanbul Dass Recep Tayyip Erdogan und seine islamisch-konservative Partei AKP die Türkei seit 2002 regieren, ist vor allem dem wirtschaftlichen Aufschwung geschuldet. Noch nie in seiner jüngeren Geschichte erlebte das Land eine solche wirtschaftliche Blüte. Das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte sich. Mit jährlichen Wachstumsraten von rund 6 Prozent stieg die Türkei auf in die Liga der G-20, der 20 global größten Wirtschaftsnationen. Erdogan gilt als der Vater dieses Wirtschaftswunders. Bis 2023, wenn sich die Gründung der Republik zum 100. Mal jährt, will er sein Land in die Spitzengruppe der zehn größten Volkswirtschaften führen.

Aber das dürfte eine Fata Morgana bleiben. Denn der Boom am Bosporus ist vorerst zu Ende. Und das ist ein großes politisches Problem für Erdogan. Nicht zuletzt wegen der schwächelnden Wirtschaft verlor die AKP im Juni erstmals seit über zwölf Jahren im Parlament ihre absolute Mehrheit. Auch bei der Neuwahl am Sonntag könnten Erdogan die Wirtschaftsflaute wieder zu spüren bekommen.

Nach dem 2013 erreichten Rekord von 10 822 Dollar (9790 EUR) werde das Pro-Kopf-Einkommen dieses Jahr wieder deutlich zurückgehen, nämlich auf 8323 EUR, prognostiziert die Statistikbehörde.

Die türkische Konjunktur wurde in den vergangenen Jahren vor allem durch den Zustrom ausländischen Risikokapitals befeuert, das die Banken als Kredite an die Verbraucher weiterleiteten - ein Boom auf Pump also. Doch seit 2013 fließt massiv Kapital ab - ein Phänomen, mit dem fast alle Schwellenländer zu kämpfen haben.

Im Fall der Türkei kommen Sorgen hinzu über die Bürgerkriege in den Nachbarländern, die wichtige Absatzmärkte waren, sowie der wiederaufflammende Kurdenkonflikt und die wachsende innenpolitische Polarisierung. Die ständigen Versuche Erdogans, der Zentralbank in die Geldpolitik hineinzureden und niedrigere Zinsen durchzusetzen, wecken außerdem Zweifel an der Unabhängigkeit der türkischen Währungshüter. Diese Befürchtungen spiegeln sich auch in der rapiden Talfahrt der türkischen Lira, die seit Jahresbeginn rund ein Viertel ihres Außenwerts gegenüber Euro und Dollar verloren hat. Die Inflation liegt bei fast 8 Prozent, die Arbeitslosenquote hat den höchsten Stand seit vier Jahren erreicht.

"Unser Wirtschaftswunder ist eigentlich schon seit der globalen Finanzkrise von 2008 vorbei", sagt die Istanbuler Ökonomieprofessorin Ümit Izmen: "Die extrem hohen Wachstumsraten der Jahre 2010 und 2011 waren nur eine Korrektur, ein Strohfeuer." Das Wachstum werde dieses Jahr voraussichtlich nur 3 Prozent erreichen.

Chronische Strukturschwächen wie die zu geringe Sparquote, das Technologie-Defizit und die hohe Importabhängigkeit "gehen Hand in Hand mit politischen Problemen", sagt Izmen. Eine katastrophale Finanzkrise wie 2001, als große Teile des türkischen Bankensektors zusammenbrachen, sieht die Ökonomin zwar nicht heraufziehen. Das Bankensystem sei heute ungleich stabiler und besser reguliert, auch die Staatsquote ist viel geringer. Aber wenn die Wirtschaft wieder nachhaltig wachsen soll, müsste der innere Friede gesichert, das Vertrauen in den Rechtsstaat und die Verfassung wiederhergestellt und der Kurdenkonflikt gelöst werden.

Schwächelnde türkische Wirtschaft verdüstert Aussichten von Staatspräsident Erdogan
Nach einer enormen Wachstumsphase findet sich die türkische Wirtschaft zur Zeit im Abschwung. Im Bild ein Arbeiter im türkischen Daimler-Werk. Foto: Daimler AG

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30.10.2015, 12:00 Uhr
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