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Kunst

Schwäbische Moderne

Welchen Einfluss hatte das Bauhaus auf Stuttgart – und umgekehrt? In der Ausstellung „Weissenhof City“ sucht die Staatsgalerie aktuelle Antworten.

12.06.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Kameltreiber auf dem Killesberg? In den 40er Jahren noch kursierte in Stuttgart eine Postkarte, auf der die Weissenhofsiedlung als „Araberdorf“ diffamiert wurde. Der Israeli Dani Gal greift diese Ressentiments in seinem Video „White City“ auf. Foto: © Dani Gal, Galerie Kadel Willborn

Stuttgart. An den „modernen Großstadtmenschen“ richtete sich 1927 im Stuttgarter Norden eine Ausstellung des Deutschen Werkbunds unter dem Titel „Die Wohnung“. Das Plakat Willi Baumeisters sagte alles: Plüschiges Mobiliar ist mit einem fetten roten Kreuz durchgestrichen. So nicht!

Das Interesse war damals immens, rund eine halbe Million Besucher schauten sich die schnell aus dem Boden gestampfte Weissenhofsiedlung an. Unter der Leitung Mies van der Rohes hatten zahlreiche Architekten – darunter Bauhaus-Direktor Walter Gropius – 21 Häuser mit insgesamt 63 Wohnungen errichtet: experimentelles, neues Bauen, wegweisend für das 20. Jahrhundert.

Tatsächlich waren diese Häuser in der Bevölkerung umstritten, von einem „Araberdorf“ war diffamierend die Rede. Ein Teil der Siedlung wurde 1944 durch einen Fliegerangriff zerstört. Doch bis heute lässt sich diese bedeutende Architekturgeschichte erkunden, nicht zuletzt in einem Doppelhaus Le Corbusiers. Es beherbergt das Weissenhofmuseum und steht seit 2016 auf der Liste des Weltkulturerbes.

Wenn Deutschland jetzt „100 Jahre Bauhaus“ und den Aufbruch in die Moderne feiert, gehört Stuttgart zu den wichtigen Schauplätzen, an denen viele Wirkungsspuren dieser Avantgarde-Schule zu finden sind – umgekehrt zählte etwa der Stuttgarter Oskar Schlemmer zu den bedeutenden Bauhaus-Meistern in Weimar und Dessau. Er schuf mit der „Bauhaustreppe“ nicht nur ein ikonografisches Gemälde, sondern auch das „Triadische Ballett“ – das 1922 im Stuttgarter Landestheater aufgeführt wurde. Die Kostüme sind in der Staatsgalerie zu bewundern.

Stuttgart gehört aber auch zu den Orten, die dem Bauhaus wichtige Impulse gaben. Adolf Hölzel, der von 1905 bis 1919 an der Kunstakademie lehrte, war nicht nur mit seinen frühen abstrakten Bildern ein Wegbereiter der Moderne. Großen Einfluss hatte er als Lehrer und Theoretiker: Die Ideen für einen reformpädagogischen Vorkurs, den Johannes Itten als Bauhaus-Meister in Weimar etablierte, hatte er als Schüler Hölzels in Stuttgart gesammelt.

Das lokale Potenzial und die eigene Sammlung hätten der Staatsgalerie Stuttgart genügend Stoff für eine veritable Ausstellung geliefert, aber den Kuratoren Alice Koegel und Christian Sander ging es nicht um eine Retrospektive, sondern um eine aktuelle „künstlerische Erforschung“. Was ist heute noch spürbar und relevant in Stuttgart von diesem „außergewöhnlichen Bildungsexperiment“ Bauhaus? So hat die Staatsgalerie vier Künstler/innen eingeladen, um die Rezeptionsstränge zu erkunden. „Weissenhof City“ heißt die kleine, tief schürfende, spannende Ausstellung im Barth-Flügel.

Der Zeichner Martin Schmidl, dessen Künstlerbücher in den Raum wachsen, hat sich Adolf Hölzel vorgenommen: „Handwirtschaft“ heißt seine Installation, die zur Lektüre des kunsttheoretischen Nachlasses einlädt – und man sitzt in dieser „Experimentalgalerie“ auf Nachbauten eines Hölzel-Hockers. Michaela Melián setzt sich in ihren Sound-Installationen „Neues Bauen“ und „Girl Kultur“ kritisch mit den „Befreiungsversuchen“ der Moderne auseinander. Die zweckmäßige Küchengestaltung im „neuen Haushalt“ der 20er Jahre löste noch nicht die Geschlechterrollen auf. Und wer war diese Elsbeth Büchle, die auf dem berühmten Foto vor dem Le Corbusier-Doppelhaus neben dem Mercedes-Roadster posiert?

Dani Gal wiederum dreht verblüffend reale Videofilme, in denen er die Vergangenheit erforscht, Debatten rekonstruiert, die Zukunft imaginiert. In „White City“ lässt er Arthur Ruppin, den Zionisten und Mitbegründer Tel Avivs, im Jahre 1933 durch die Weissenhofsiedlung streifen – er trifft auf verschleierte Frauen und Kamele des „Araberdorfs“.

Die Ausstellung der Staatsgalerie führt dann auch real in die Stadt: Boris Sieverts unternimmt „Reisen“ durch Stuttgart, an denen die Versprechen und das Scheitern der Moderne spürbar sind. Ein sehr aktuelles Thema an diesem Ort.

Eine Reise zu den Spuren von Walter Gropius, Mies van der Rohe und Oskar Schlemmer. Foto: „Stuttgart und das Bauhaus“. Belser Verlag

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Erstellt:
12. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 06:00 Uhr

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