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Evangelischen Jugendwerk sammelt für Kinderheim in Kenia

Schwäbische Knöpfle für Nazareth

Zum dritten Mal besuchte Markus Walker das Kinderheim Nazareth in Kenia. Seit 2008 sammelt das Evangelische Jugendwerk Entringen Spenden für das ostafrikanische Projekt.

06.06.2012

Von Uschi Hahn

Der Entringer Markus Walker mit Clinton. Findet sich ein Pate für den Siebenjährigen, könnte er künftig zur Schule gehen.

Entringen. Manchmal ist es eben so, dass Frechheit siegt. Auch in Kenia. Als Markus Walker im vergangenen Jahr auf Besuch in dem ostafrikanischen Land war, traf er bei einem Ausflug den deutschen Leiter einer Berufsschule. Die Schule in Tinderet gehört zum Kinder- und Jugendheim des Missionswerks Diguna, das in Ostafrika nicht nur das Evangelium verbreiten will, sondern auch Jugendliche zu Handwerkern ausbildet. Für die Prüfung müssen die jungen Maurer, Maler und Elektriker auch ein Praktikum vorweisen. Weshalb, fragte sich Markus Walker da, können die Nachwuchshandwerker nicht beim Bau des neuen Kinderheims Nazareth in der Ortschaft Rangwe bei Kisumu beweisen, was sie gelernt haben?

„Da habe ich ganz frech gefragt“, berichtet Walker und grinst etwas verlegen. Das Fragen hat sich gelohnt. Denn inzwischen haben die Bauarbeiten am neuen Kinderheim begonnen. Die Berufsschüler aus dem fernen Tinderet verzichten auf ihren Lohn. Für Unterkunft, Verpflegung und das Baumaterial kommt der deutsche Verein auf, der das Nazareth Kinderheim schon länger unterstützt. Seit 2008 sammelt auch das Evangelische Jugendwerk in Entringen Geld dafür.

Zwanzig Plätze gibt es derzeit in dem Heim, das seit ein paar Jahren in einem Provisorium untergebracht ist. Das neue Heim soll mehr Kindern Platz bieten. Markus Walker fuhr zum Baubeginn wieder in das Dorf. „Beim Spatenstich wollte ich unbedingt dabei sein“, sagt der 36-jährige Bankangestellte, der seit Oktober 2011 Kassier des Vereins „Nazareth Kinderheim“ ist.

Schon vorher hat er in Entringen mitgeholfen, Geld für die Nazareth-Kinder zu sammeln. Die Mitglieder des Jugendwerks, in Entringen sind das über 100 Leute im Alter zwischen 14 und 80 Jahren, haben schon Streuobst aufgelesen, und den Saft für die gute Sache verkauft. Ein Teil des jährlichen Christbaumverkaufs des Entringer CVJM geht nach Kenia. Voriges Jahr kamen beim Benefiz-Schwimmen im Entringer Freibad 16 000 Euro zusammen, von denen die Hälfte aufs Nazareth-Konto überwiesen wurde. Schon seit zwei Jahren läuft die Aktion „Wir mähen ihren Rasen für Kenia“. Man wolle nicht nur so Spenden sammeln. „Die Leute sollen auch eine Gegenleistung dafür bekommen“, findet Walker. Ob jemand fünf Euro zahle oder 20, sei egal.

Als Walker jetzt nach 2009 und 2011 zum dritten Mal nach Kenia flog, hatte er etwas ganz besonderes im Gepäck. „Wir hatten ihnen eine Safari zu Weihnachten geschenkt“, sagt der christlich motivierte Helfer. „Wir wollten den Kindern einfach mal zeigen, wie schön ihr Land ist.“ Denn was für Touristen Alltag ist, können sich viele der Einheimischen nie im Leben leisten. Die meisten der Kinder hatten zuvor noch nicht einmal den Victoriasee gesehen. Dabei liegt ihr Dorf nur 15 Kilometer entfernt vom drittgrößten See der Welt.

Die Nazareth-Schützlinge hätten sich wohl auch über eine Reise nach Deutschland gefreut. Doch das sei „finanziell nicht möglich“, sagt Walker. Auch wolle man den in bitterster Armut aufgewachsenen Kindern diesen „kulturellen Schock fürs Leben“ auch nicht zumuten. Doch zumindest die deutsche Küche haben sie jetzt kennengelernt. Zum Abschluss der Tagessafari gab es am Lagerfeuer „Stockbrot und schwäbische Knöpfle“, berichtet Markus Walker. „Das war den Kindern ganz wichtig, was Deutsches zu machen.“

Sieben Jahre alt ist der Jüngste, 23 der Älteste im Heim. Er macht zurzeit eine Ausbildung zum Elektriker. Sechs der Kinder und Jugendlichen gehen in weiterführende Schulen. Die meisten der Heimkinder sind Waisen, deren Eltern an Aids gestorben sind.

Neben den Heimbewohnern unterstützt der Verein inzwischen auch Kinder, die bei ihren Eltern leben. Und das oft in großem Elend. So besuchte Walker eine Familie, die in einer Nothütte hauste, weil sie für ihr neues Haus kein Dach bezahlen konnte. Spontan entschloss er sich, Wellblech zu besorgen. „Zwei Tage, nachdem das neue Haus bezogen war, ist die alte Hütte zusammengebrochen“, erzählt der Entringer. Ein weiteres Kind, das der Verein gerne als Patenkind aufnehmen würde, lebt mit sieben Geschwistern und der psychisch kranken Mutter auf der Straße. Nachdem der Vater gestorben war, wurde die Mutter mit ihren acht Kindern von den Schwiegereltern rausgeworfen, hat Walker erfahren. Die Familie sei so bitterarm, dass sie sich von Wurzeln ernähre. Angesichts dieses Elends käme man „manchmal schon ins Grübeln, weshalb es uns hier so gut geht“, sagt der Bankangestellte nach seiner Rückkehr aus Ostafrika.

Auch von Entringen aus hält er Kontakt zum Kinderheim, informiert sich einmal in der Woche am Telefon über den Baufortschritt. „Bis im August steht der Rohbau“, hofft Walker. Den Ausbau erledige man in Eigenarbeit und mit Handwerkern aus dem Ort. Außer Toiletten und einem Brunnen wird es in dem neuen Heim keinen Luxus geben. „Wir wollen, dass die Kinder ihre Herkunft nicht vergessen. Wenn sie wieder zurück gehen in ihre Dörfer haben sie den Luxus auch nicht“, beschreibt Walker die Philosophie des Heimes. Neben Schule und Ausbildung lernen die Kinder und Jugendlichen auch, wie man Mais anbaut oder Unkraut hackt. Walker findet es „wichtig, dass sie für das Leben nach dem Heim gerüstet sind“.

Auch wenn das neue Haus steht, gehen die Projekte nicht aus. Schließlich soll das Heim wirtschaftlich einmal auf eigenen Füßen stehen. Die Abhängigkeit von Deutschland soll weniger werden, sagt Walker. Deshalb gibt es schon jetzt eine Hühnerzucht. Bald könnte zum Verkauf von Eiern auch noch der von Brot kommen. Denn als nächstes soll ein Backofen angeschafft werden. Allein der aber kostet 2000 Euro. Und man könnte auch noch Solarzellen aufs Dach montieren. Und warum nicht eine Biogasanlage bauen, die Energie fürs Kochen bringt und für Licht im Haus sorgt?

Markus Walker hört gar nicht mehr auf von möglichen Projekten zu erzählen. So viele Ideen hat er für die Zukunft der Kinder von Nazareth. Dabei hat er doch eines gelernt in Kenia: „Man muss den Hebel umlegen dort: von deutsch auf Afrika.“

Die meisten der Kinder, die in dem kenianischen Heim Nazareth leben, sind Aids-Waisen. Neben den 13, die auf dem Bild Faxen für die Kamera machen, gehören zu den Schützlingen eines kenianischen Pastoren-Paars noch sieben weitere, die auf weiterführende Schulen gehen oder eine Ausbildung machen und deshalb im Internat leben.

Die Grundmauern für das Kinderheim in Rangwe stehen bereits.

Das Nazareth Kinderheim ist eine Initiative kenianischer Pastoren.

Der deutsche Verein „Nazareth Kinderheim Kenia“ mit Sitz in Siegen unterstützt das Projekt durch Beratung, vermittelt Patenschaften, unterstützt das Heim durch einen Bildungs- und einen Medizinfonds und sammelt Geld für den Neubau des Heims und sonstige Anschaffungen.

Die Patenschaft für ein Kind kostet 30 Euro im Monat, die Bildungspatenschaft 25 Euro, die Gesundheitspatenschaft 5 Euro. Spenden und Patenschaften sind steuerlich absetzbar.

Näheres im Internet: www.nazareth-Kinder.de

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Erstellt:
6. Juni 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Juni 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Juni 2012, 12:00 Uhr

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