Corona-Krise

Schwacher Dollar treibt den Euro

Die dramatisch steigenden Infektionszahlen in den USA bedrohen die Wirtschaftskraft des Landes. Der Verfall der US-Währung belastet die exportorientierten deutschen Unternehmen.

12.08.2020

Von ROLF OBERTREIS

Eine Frau geht in Moskau an einer Wechselstube vorbei. Foto: VASILY MAXIMOV/dpa

Frankfurt/Main. Mitte März, als die Corona-Pandemie in Europa ihren Lauf nahm und das öffentliche und das Wirtschaftsleben mit Geschäfts- und Werksschließungen nahezu komplett zum Stillstand kam, zeigte sich einmal mehr: Der Dollar ist eine Krisenwährung. Anleger flüchteten in den Greenback, wie der Dollar auch genannt wird. Der Euro notierte nur noch bei knapp 1,07 Dollar. Nicht wenige sahen die europäische Gemeinschaftswährung auf dem Weg zur Parität zum Dollar. Knapp fünf Monate später ist davon nichts mehr zu sehen: Der Euro hat gegenüber der US-Währung um gut 10 Prozent zugelegt und steht bei knapp 1,18 Dollar. Volkswirte sagen einen weiteren Anstieg voraus. Ein zentraler Punkt: Die weiter dramatisch steigenden Infektionszahlen in den USA, ein erneut drohender Lockdown mit schwerwiegenden Folgen für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Das Corona-Krisen-Management in Europa läuft dagegen erheblich besser. Das treibt den Euro-Kurs.

Ein starker Euro hilft Autofahrern, weil er die Preise an den Zapfsäulen drückt. Öl wird wie andere Rohstoffe in Dollar gehandelt. Das kommt auch Unternehmen zugute. Vor allem exportorientierte Betriebe trifft der starke Euro in der derzeitigen Krise allerdings im Gegenzug erheblich. Produkte und Güter wie Maschinen aus der Eurozone werden in Dollar-Ländern deutlich teurer. Das drückt die ohnehin derzeit schwachen Ausfuhren und erschwert den Weg aus der Krise. Zumindest Großunternehmen und größere Mittelständler können gelassen bleiben, weil sie in den USA produzieren und damit kein Währungsrisiko haben.

Experten sehen in der aktuellen Euro-Stärke in erster Linie aber eine Dollar-Schwäche. „Die offensichtliche Unfähigkeit der Supermacht, die Corona-Epidemie in den Griff zu bekommen, eine ungewohnt heftige Rezession und gesellschaftliche Spannungen nagen am Bild des starken Amerikas“, sagt Börsen-Stratege Robert Halver von der Baader Bank. Dagegen scheinen die Europäer die Infektionszahlen trotz der jüngsten Zunahme weitgehend im Griff zu haben. Und sie haben sich unlängst auf ein gemeinsames Hilfspaket geeinigt. „Die US-Präsidentschaftswahlen sind auch ein Unsicherheitsfaktor. Trumps jüngste Drohung, die Wahl zu verschieben, könnte ein politisches Chaos zur Folge haben“, betont Christian Apelt, Volkswirt bei der Landesbank Hessen-Thüringen.

Bei der Commerzbank verweist Währungsexpertin Thu Lan Nguyen zudem auf die „exzessiv inflationäre“ Geldpolitik der US-Notenbank Fed und das ausufernde Haushaltsdefizit in den USA. „Das amerikanische Haushaltsdefizit liegt in diesem Jahr auf jeden Fall bei mehr als 15 Prozent des Sozialprodukts“, glaubt Axel Angermann, Chef-Volkswirt der Feri-Investmentgruppe. Sogar von 20 Prozent ist die Rede. Das wiederum lasse den ohnehin schon gigantischen Schuldenberg der USA weiter wachsen. Deshalb und wegen der schlechten Wirtschaftslage wird die US-Notenbank die Zinsen auf lange Zeit niedrig halten, sind Ökonomen überzeugt. Der Zinsvorteil des Dollar gegenüber dem Euro ist damit weg. Schließlich wird der Dollar auch durch den Handelsstreit zwischen den USA und China gedrückt, sagen andere Experten. Und nicht zuletzt verweist der auf Rekordhöhen gestiegene Goldpreis auf die Schwäche des Dollar. Mit Blick auf Sicherheit in Corona-Zeiten heißt das für viele Anleger und Anlegerinnen: Lieber Gold als Dollar. In früheren Krisenzeiten passierte dies im Gleichklang.

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Erstellt:
12. August 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. August 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. August 2020, 06:00 Uhr

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