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Freie Sicht auf die Finsternis

Schutzbrille oder Teleskop: viele Zuschauer bei partieller Eklipse

Ideale Bedingungen für das Himmelsspektakel: Ob in der Schule, vom Büro oder auf der Straße – bei wolkenfreiem Himmel verfolgten viele Tübinger die Sonnenfinsternis. Besonders groß war der Andrang auf die Teleskope der Sternwarte.

20.03.2015

Von Madeleine Wegner

Tübingen. „Das ist ja der Wahnsinn!“, rief eine Besucherin begeistert aus, als sie durch das Teleskop sah. Um 9.30 Uhr war ein winziger Teil des Mondes gerade so am Rand der Sonnenscheibe zu sehen. Der Andrang in der Tübinger Sternwarte am Freitag war enorm. Bereits vor Beginn der partiellen Sonnenfinsternis versammelten sich im Inneren der Kuppel viele Interessierte um das Sonnenteleskop. Im Laufe des Vormittags kamen so viele Besucher hinzu, dass sich lange Schlangen vor den verschiedenen Teleskopen in und vor der Sternwarte bildeten.

Rund zwei Stunden dauerte es am Freitag, bis der Mondschatten über die Sonne gewandert war.

Familien mit Kleinkindern, Schülergruppen, Erwachsene vom Studenten bis zum Rentner: Alle wollten so direkt wie möglich miterleben, wie sich der Mond vor die Sonne schiebt. Gegen 10.30 Uhr war es schließlich brechend voll in der Sternwarte, sodass kaum noch ein Durchkommen war. „So voll habe ich es hier noch nie erlebt“, sagte Maximilian Hohmann von der Astronomischen Vereinigung.

Zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis ist das Sonnenteleskop der Sternwarte nicht so gut geeignet, weil es vor allem die Wasserstoff-Aktivitäten wie Eruptionen auf der Sonnenoberfläche sichtbar macht. Deshalb hatten mehrere Mitglieder der Astronomischen Vereinigung ihre Teleskope und präparierten Ferngläser im Freien vor der Sternwarte aufgebaut.

Gigantisch – aber nicht wie in Spitzbergen

Einige der Hobby-Astronomen hatten eine Foto-Kamera an ihre Teleskope montiert, auf dem Display sah man, wie sich langsam der Mond flimmernd über die Sonne schob. Durch ein Fernglas projizierte einer der Astronomie-Begeisterten die Sonne auf ein weißes Blatt Papier, sodass mehrere Menschen gleichzeitig zuschauen konnten, wie der Mond einen Teil des Kreises verschlang.

Wer strahlt mehr? Am Anlagensee verfolgten Schüler das Spektakel. Bild: Bauer

Hatte man genügend Geduld, sich in eine der Schlangen einzureihen und erhaschte schließlich einen Blick durch eines der Teleskope auf der Terrasse, so sah man deutlich weiß auf schwarz die immer schmaler werdende Sonnensichel. „Das ist ja gigantisch!“, rief eine Frau bei dem Anblick aus. Die Hobby-Astronomen hatten alle Hände voll zu tun: Manuell mussten die meisten der Teleskope immer wieder nachjustiert und der Bahn der wandernden Sonne angepasst werden.

Um 10.37 Uhr war es soweit. Der Mond bedeckte fast drei Viertel der Sonnenscheibe – das Maximum der partiellen Sonnenfinsternis. Das Tageslicht wirkte diesig. „Es ist doch kaum dunkler, es ist so, als ob da Wolken wären“, stellte ein älterer Mann fest. So richtig verdunkelte sich der Himmel nicht, doch die Temperaturen sanken merklich. Einer äußerte enttäuscht: Vielleicht hätte man doch nach Spitzbergen reisen sollen, wo die Sonne gänzlich verdunkelte.

Die letzte totale Sonnenfinsternis war in Tübingen im August 1999 zu sehen. Doch eine dichte Wolkendecke und Regen trübte das Ereignis vor 16 Jahren.

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Hahn meets Sofi: Den Wetterhahn auf Sankt Johannes fotografierte Matthias Hartmann aus Unterjesingen.

An mehreren Teleskopen konnte man sich das seltene astronomische Phänomen aus der Nähe ansehen.

Der Andrang an der Tübinger Sternwarte war groß.

Brillen auf: Diese Schüler am Anlagensee waren bestens ausgerüstet.

Auch wenn Fachleute davon abrieten: Wer keine Schutzbrille auftreiben konnte, griff eben zur Folie.

Die Sonnenfinsternis in einzelnen Schritten: Erst wirkte die Sonne nur angeknabbert...

... langsam wurde der Biss größer...

... und größer...

... und größer.

Dann war schon über die Hälfte durch den Mond verdeckt.

In Tübingen spielte das Wetter mit: Sehr gut war zu erkennen, dass...

... bis zu 71 Prozent der gleißenden Sonnenscheibe durch den Erdtrabanten verdeckt waren.

Um 10.34 Uhr war es soweit.

Der wolkenfreie Himmel am Vormittag lockte viele Beobachter in ganz Tübingen nach draußen. Schulklassen verfolgten die partielle Finsternis auf dem Schulhof, viele Erwachsene legten eine Arbeitspause ein, um das Ereignis zu verfolgen, Schaulustige blieben auf der Straße stehen und tauschten Schutzbrillen untereinander aus, um in den Himmel schauen zu können.

Viele versuchten, mit Tricks und Hilfsmitteln die Eklipse zu verfolgen. Die Sonnenschutzbbrillen – Mangelware bei den Optikern in den vergangenen Tagen – wurden untereinander ausgetauscht. Eine junge Frau hatte als Alternative eine Schweißerbrille dabei, manche hatten mit speziellen Filterfolien Brillen selbst gebastelt. Eine Notlösung kam aus den Erste-Hilfe-Kästen im Auto: Zwei junge Männer hatten die folienartige Sicherheitsdecke mehrfach gefaltet und hielten sie aufgespannt hoch, sodass mehrere gleichzeitig die Sonnenfinsternis beobachten und fotografieren konnten.

Mit den Fingern die Sonnensichel einfangen

Zu den sichersten Beobachtungsmöglichkeiten gehörte ein erstaunlicher Trick, den Roland Müller von der Astronomsichen Vereinigung parat hatte: Hielt man ein Stück Papier mit einem kreisrundes Loch gen Himmel, so bildete sich an Stelle eines Kreises die schmale Sonnensichel als Projektion und Schattenwurf auf dem Boden ab. Das funktionierte sogar, wenn man Daumen und Zeigefinger zu einem Loch formte. Diese Methode kannte übrigens schon der Astronomie-Professor Michael Maestlin, der wichtigste Lehrer Johannes Keplers: Bei einer partiellen Sonnenfinsternis im 17. Jahrhundert hatte er auf dem Dachboden der Stiftskirche beobachtet, wie durch die Zwischenräume der Dachziegel das Sonnenlicht fiel und zahllose Sicheln auf dem Boden sichtbar machte.

Das Tübinger Universitätsklinikum gab am Freitagnachmittag auf Nachfrage Entwarnung: In der Augenklinik hatte sich kein Patient wegen möglicher Schäden durch die Beobachtung der Sonnenfinsternis gemeldet.

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Erstellt:
20. März 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
20. März 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. März 2015, 12:00 Uhr

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