Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Bildung

Schule im Dienst des guten Weins

Seit 150 Jahren bildet die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt in Weinsberg Winzer aus. Weltweit genießt sie einen exzellenten Ruf. Rebsorten wie Dornfelder oder Kerner wurden dort gezüchtet.

21.02.2018

Von HANS GEORG FRANK

Nicht nur im Weinberg oder im Keller, auch in den Laboratorien lernen die Absolventen der Weinbauschule in Weinsberg alles, was an Theorie und Praxis für den Beruf notwendig ist. Nach bestandener Prüfung finden sie leicht Anstellungen bei Betrieben im In- und Ausland. Foto: LVWO Weinsberg/PR

Weinsberg. Die herausragende Bedeutung der ältesten Weinbauschule Deutschlands, die Dieter Blankenhorn (51) seit einem Jahr leitet, kennt er von daheim. Sein Vater Hermann holte sich dort 1957/58 das Rüstzeug als Weinbaumeister. „Weinsberg zeichnet aus, dass die Absolventen wissen, wie es geht“, pflegte der Vater gern zu sagen. Die einzigartige Kombination von Theorie und Praxis hatte sich so bewährt, dass keine formale Prüfung nötig war. Allein der Hinweis „Weinsberg“ hatte genügt.

Als Direktor will der Doktor der Agrarwissenschaften die Akademisierung bei den grünen Berufen auch stärker in der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für den Wein- und Obstbau (LVWO) verankert wissen. Im 150. Jahr des Bestehens sucht Blankenhorn die Kooperation mit Hochschulen, damit die Weinbauschule auch den Bachelor-Abschluss anbieten kann: „Ohne diesen wird es nicht mehr gehen.“

Der Anfang der Ausbildung von Winzern war mühsam. Zwar hatte Kameralrat Immanuel Dornfeld schon 1849 den Bau eines Instituts für „das edelste Gewächs der Erde“ vorgeschlagen. Durch den Weinbau werde „nicht nur eine höhere Kultur des Lebens verbreitet, sondern auch bei den Bewohnern selbst reinere Sitten und edlere Gefühle geweckt“.

Warten wegen leerer Kassen

Auch der Hohenheimer Agrarprofessor Karl Wilhelm Göritz machte sich 1850 für „eine höhere theoretisch-praktische Lehranstalt für Weinbau und Weinbereitung“ stark. Aber wegen leerer Staatskassen meldete das Ministerium des Kirchen- und Schulwesens erst am 28. Dezember 1867 den Vollzug.

Die Abgeordneten des Landtags erhofften sich davon auch „ein Exportgeschäft für württembergische Weine“, wobei sie Abnehmer „in Bayern, Schlesien, Kurhessen und im Norden von Deutschland“ im Sinn hatten.

Die Expertenschmiede startete am 22. Februar 1868 mit sechs Zöglingen. Aufgenommen wurden „junge Männer, vornehmlich aus dem Stande der Weingärtner“. Erst nach 100 Jahren war die Zeit reif für eine Frau: Marlis Eberbach aus Lauffen traute sich 1969 in eine Technikerklasse. 7000 „Weinsberger“ haben die Ausbildung durchlaufen. Sie stammen aus 22 Ländern, darunter sind Chilenen, Japaner, Thailänder, Südafrikaner. Das Spektrum des Lehrstoffs und der Abschlüsse wurde kontinuierlich erweitert. Neben Technikern für Weinbau und Önologie, gibt es Obstbau-, Weinbau-, Küfer- und Brennmeister. Weinerlebnisführer werten touristische Angebote auf.

Die LVWO kümmert sich um Qualitätsoptimierung, Kostensenkung und nachhaltige Bewirtschaftung mit neuen Systemen. Krankheiten sollen mit Drohnen erkannt werden, die auch mit Spritztechnik beim Rebschutz an Steillagen eingesetzt werden können. Für die Experimente eignen sich 40 Hektar des Staatsweingutes und 60 Hektar eines Obstversuchsgutes.

Destillate, Säfte und Schnäpse

Seinen guten Namen verdankt die Weinbauschule auch den Erfolgen bei der 1907 begonnenen Züchtung neuer Rebsorten. Mit dem Kerner als Kreuzung von Trollinger und Riesling sind in Deutschland 2900 Hektar bestockt. Dornfelder ist mit 8000 Hektar nach Spätburgunder der meist angebaute Rotwein. Derzeit steht die Entwicklung von Sorten im Fokus, die Pilzen widerstehen können. Von der ersten Kreuzung bis zur fertigen Rebe vergehen 30?Jahre.

Das Land lässt sich die Weinbauschule jährlich fünf Millionen Euro kosten. 1,2 Millionen Euro bringt der Verkauf der Weine, Destillate, Säfte und Schnäpse ein. Auch Essig, Öl, Weingelee und Pralinen bietet dieser staatliche Feinkostladen feil.

Mit Wohlgefallen sieht auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann, dass in Weinsberg „seit 150 Jahren hervorragende Fachleute für die Praxis ausgebildet und innovative Forschung betrieben“ wird. Dabei wollten Skeptiker einst „die Höherschraubung der Bildung“ in einem königlichen Institut verhindern. Diese „fixe Idee“, meinte ein Gutachter, erzeuge „Unzufriedenheit mit den landesüblichen einfachen Verhältnissen“.

Schüler beim Oenologie-Praktikum Foto: LVWO Weinsberg/PR Foto: LVWO Weinsberg/PR

Zum Artikel

Erstellt:
21. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2018, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+