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Schüsse, Schreie, Stille
Die Kamera weicht ihr nicht von der Seite: Andrea Berntzen als Kaja in „Utøya 22 Juli“. Foto: Agnete Brun/TrustNordisk/dpa
Berlinale

Schüsse, Schreie, Stille

Kann man die Erinnerung an eine Terror-Tat dem Täter entreißen? Der norwegische Film „Utøya 22 Juli“ versucht dies. Das ist in mehrfacher Hinsicht beklemmend.

21.02.2018
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Berlin. Das wirst du nicht verstehen“, sagt das Mädchen. „Hör einfach mal zu“, sagt sie. Sie sagt es, am Telefon, offenbar zu ihrer Mutter. Aber sie spricht auch zum Zuschauer, direkt in die Kamera, die ihr in den folgenden 90 Minuten nicht vom Leib weichen wird.

„Das wirst du nicht verstehen. Hör einfach mal zu.“ Nein, man kann es nicht verstehen, was sich am 22. Juli 2011 auf der norwegischen Insel Utøya abgespielt hat. Aber man wird nun auf der Kinoleinwand zusehen und tatsächlich vor allem zuhören. Das Grauen, das liegt hier ebenso in dem, was zu hören ist – oder auch nicht. Stille. Schreie. Schüsse. Unglaublich viele Schüsse.

Zwei Terroranschläge erschütterten Norwegen an diesem Tag. Zuerst zündete der rechtsextremistische Anders Breivik in Oslo eine Autobombe, die acht Menschen tötete. Später an dem Tag überfiel Breivik schwer bewaffnet ein Sommercamp der sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf der Insel Utøya, wo 500 Jugendliche zelteten. Er erschoss 69 Menschen. Ein Trauma, das Norwegen bis heute nicht loslässt.

An diesem Trauma arbeitet sich nun der Regisseur Erik Poppe ab. Schlicht „Utøya 22 Juli“ heißt sein Film, der auf der Berlinale Weltpremiere feierte. Er besteht, nach einem kurzen dokumentarischen Einstieg, aus einer einzigen fast eineinhalbstündigen Einstellung: Er begleitet die 19-jährige Kaya während Breiviks mörderischer Attacke.

Zunächst ist es ein normaler norwegischer Sommertag. Die Jugendlichen spielen, diskutieren, flirten. Kaja streitet mit ihrer Schwester. Dann schreckt die Nachricht von der Osloer Autobombe die Jugendlichen auf. Und schon bald knallt es auch auf Utøya. China-Böller?, fragen sie noch. Eine Übung? Nein, es sind Schüsse. Tödliche Schüsse. Hier macht einer Jagd auf Menschen.

Zunächst flüchtet sich Kaja mit anderen in ein Häuschen, aber das bietet keine Sicherheit. Sie rennen in den Wald, Kaja sucht ihre Schwester, vergeblich, sie versucht, ihre Mutter anzurufen, ein Mädchen verblutet in ihren Armen. Zitternde, weinende Gestalten kauern sich hinter Bäume, hinter Felsen. Manche versuchen ihr Glück am Ufer, doch es ist kein rettendes; es gibt kein Entkommen von der Insel. Die ganze Zeit fallen Schüsse, Schüsse, Schüsse.

Angst, Verzweiflung, kurze Hoffnung auf Rettung, dann wieder Ohnmacht, Furcht und Schrecken – all das fängt die Kamera aus nächster Nähe ein.

Der Mörder Breivik ist nicht zu sehen, nur einmal schemenhaft, aber die mal lauteren, mal leiseren Schüsse verraten, ob er näher kommt. Jeder Knall geht durch Mark und Bein.

Der Film basiert auf Erfahrungsberichten, auf Gesprächen mit Überlebenden. „Es ist nicht in Worten fassbar, was passiert ist“, sagte Regisseur Poppe auf der Pressekonferenz in Berlin. „Ich denke, ein Spielfilm ist das Richtige, um die Erinnerung an das Geschehen wach zu halten.“

„Utøya 22 Juli“ ist auch durch die beeindruckenden jungen Darsteller beklemmend, ja erschütternd. Und dass es keinen Schnitt gibt, verstärkt das Gefühl der unbarmherzigen Unentrinnbarkeit. Doch macht ein solcher Film die Realität hinter der Schreckensmeldung aus den Nachrichten tatsächlich nachvollziehbar? Ganz banal gefragt: Darf man das? Und was bringt es?

„Wenn es um den 22. Juli 2011 geht, wird fast immer auf den Terroristen fokussiert“, erklärt Poppe. „Doch dadurch verschwindet die Erinnerung an das, was er getan hat, was geschehen ist, aus unserem Bewusstsein. Das darf nicht passieren.“ Es geht ihm darum, die Opfer-Sicht ins Zentrum zu stellen: Die Erinnerung an die Tat soll nicht vom Bild des Täters überschattet werden.

Dennoch bleibt Unbehagen, wie man es auch aus anderen filmischen Auseinandersetzungen mit Krieg, Terrorismus und Barbarei kennt – vor allem die Rezeption des Holocaust-Films ist von diesem Diskurs geprägt.

Denn ein Kino, das via Identifikation funktioniert, das zugleich emotional überwältigt und Authentizität konstruiert, tut so, als wäre man dabei, und das ist anmaßend. Denn wir waren am 22. Juli 2011 nicht auf Utøya.

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21.02.2018, 06:00 Uhr
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