Schritt ins Ungewisse

Neustart an den Schulen: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Nach drei Monaten Corona-Pause beginnt am Montag die Schule wieder für alle Schüler – ausgedünnt und im Schichtbetrieb.

12.06.2020

Von Axel Habermehl

Gewerbliche Schule in Stuttgart: Abstandsregeln in den Klassen gelten weiterhin. Foto: Marijan Murat/dpa

Nach zwei Wochen Pfingstferien beginnt am Montag überall im Land wieder der Schulunterricht. Verbunden ist der Neustart mit einem weiteren Öffnungsschritt: Jeder einzelne Schüler soll nun wenigstens zeitweise wieder Präsenzunterricht in der Schule bekommen. Bisher waren nur ausgewählte Klassen in die Häuser gelassen worden. Die genaue Ausgestaltung ist Angelegenheit der Schulleitungen vor Ort. Ein Überblick:

Wer kommt am Montag wieder zur Schule? Das unterscheidet sich örtlich stark, eine landesweite Aussage ist unmöglich. Grundsätzlich beginnt, so hat es Ministerin Susanne Eisenmann (CDU) verordnet, für alle Schülerinnen und Schüler „in einem rollierenden System Präsenzunterricht (...), der mit den Fernlernangeboten verzahnt werden soll“.

Was bedeutet das genau? Auch das ist je nach Schule und Schulart unterschiedlich. Da weiter die Abstandsregel gilt und ein Teil der Lehrerschaft als Risikogruppe ausfällt, stellen Raum- und Personalmangel die begrenzenden Faktoren dar. Innerhalb der Grenzen planen Schulleitungen Stundenpläne. An Grundschulen, wo zuletzt nur Viertklässler kommen sollten, bedeutet es oft, dass in einer Woche Erst- und Zweitklässler da sind, in der nächsten Dritt- und Viertklässler. Wer gerade nicht zur Schule kommt, soll zuhause Fernunterricht erhalten.

Wie ist es an weiterführenden Schulen? Ähnlich. Auch hier gilt das rollierende Schichtsystem aus Präsenz- und Fernunterrichtsphasen. Wie an Grundschulen wird überwiegend im Wochenrhythmus durchgewechselt. Es gibt aber auch Schulen, an denen sogar tageweise rotiert wird. Eine Ausnahme gilt, so die Ansage des Ministeriums, für Jahrgänge, die bereits am 4. Mai gestartet sind und dieses oder kommendes Jahr ihren Abschluss machen: „Sie bleiben dauerhaft in der Präsenz.“

Wie soll die Abstandsregel befolgt werden? Durch die Teilung von Klassen in meist zwei, teils aber auch drei Teile. Das hat auch zur Folge, dass Klassen in Präsenz- und Heimphasen von unterschiedlichen Lehrkräften unterrichtet werden. So sollen auch Lehrer eingebunden werden, die nicht in die Schulen kommen, weil sie zu einer Risikogruppe für schwere Verläufe der Covid-19-Erkrankung zählen. Außerdem werden die Pausen anders als üblich gestaltet, damit die Schulhöfe nicht zu dicht bevölkert sind. Je nachdem, in wie viele Lerngruppen die Klassen geteilt werden, erhalten Schüler also in den verbleibenden sechs Wochen bis zu den Sommerferien entweder zwei oder drei Wochen Präsenzunterricht vor Ort. Eine Maskenpflicht gibt es nicht.

Wird der reguläre Stoff behandelt? Nein. Der Schwerpunkt liegt auf den Hauptfächern, also Deutsch, Mathematik und Sachkunde in den Grundschulen. An weiterführenden Schulen fallen neben Sport, der fast komplett gestrichen ist, Nebenfächer wie viele Naturwissenschaften, Religion oder Kunst fast ganz flach. An beruflichen Schulen ist es ähnlich.

Wie geht es dann weiter? Für Grundschulen und Kitas hat die Landesregierung eine vollständige Öffnung ohne Abstandsgebot für Ende Juni angekündigt. Um das zu ermöglichen, tagten bereits Arbeitsgruppen aller Beteiligten, wie Lehrerverbände, Schul- und Kitaträger. Die dafür nötige Verordnung soll laut Kultusministerium „in Kürze“ vom Kabinett beschlossen werden. Angekündigt sind unter anderem umfangreiche begleitende Corona-Tests für Lehrer. An weiterführenden Schulen sind für das laufende Schuljahr keine weiteren Öffnungen vorgesehen. Belastbare Pläne für das kommende Schuljahr gibt es bisher nicht.

Wie kommen Zeugnisse zustande? Fest steht, dass dieses Jahr kein Schüler sitzenbleiben kann. Freiwillige Wiederholungen sollen möglich sein. Da der landesweit ganz unterschiedliche Unterricht seit der Schulschließung am 17. März nicht bewertet werden darf, werden die Noten vor allem auf Basis der Leistungen gebildet, die zwischen Beginn des zweiten Halbjahres und der Corona-Schließung gemessen wurden. In den nun verbleibenden Wochen bis Ferienbeginn sind benotete Kurztests und ähnliche Leistungskontrollen möglich. Es soll dabei aber kein Stoff aus der „Corona-Zeit“ abgeprüft werden.

Wie ist das Gesundheitsrisiko einzuschätzen? Das ist die große Frage. Laut von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) verkündeten Zwischenergebnissen einer bisher unveröffentlichten Studie der Uniklinika sind Kinder unter zehn Jahren „keine besonderen Treiber im aktuellen Infektionsgeschehen“. Jedoch kam es laut Landesgesundheitsamt zuletzt zu zwei kleineren Corona-Ausbrüchen im pädagogischen Umfeld: einem in einem Kindergarten in Pforzheim und einem an einer Schule im Schwarzwald-Baar-Kreis. In dem derzeit geschlossenen Kindergarten wurden sechs SARS-CoV-2-Infektionen bemerkt: bei drei Mitarbeiterinnen, einem Kindergartenkind und dessen Geschwisterkind sowie einer weiteren Person. In der Schule wurden noch vor Beginn der Pfingstferien bei drei Mitarbeitern und einem Schüler Infektionen festgestellt. Alle weiteren Tests seien bislang negativ. Die Wiederaufnahme des Schulbetriebs werde dort aber aufgrund der Quarantänezeiten um eine Woche verschoben.

Erneut Kritik an der Kommunikation

Die Bildungsgewerkschaft GEW hat mangelnde Kommunikation des Kultusministeriums mit den Schulleitungen in der Corona-Krise beklagt. Das Ministerium müsse im direkten Austausch erklären, warum welche Maßnahmen erforderlich seien, sagte GEW-Landeschefin Doro Moritz. „Das würde helfen, Vertrauen wieder aufzubauen.“ Bislang kommuniziere das Ministerium nur per Mail. Verbände hatten wiederholt beklagt, die Schulen erführen zuerst aus den Medien von den Plänen des Ministeriums. dpa

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Erstellt:
12. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2020, 06:00 Uhr

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