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Arbeitszeit

Schon an der Uhr gedreht

Alle Unternehmen sollen dazu verpflichtet werden, genau aufzuzeichnen, wie lange ihre Beschäftigten arbeiten. Manche Firmen haben längst andere Lösungen gefunden.

21.06.2019

Von Annika Grah

Als der Europäische Gerichtshof (EuGH) jüngst die Arbeitszeiterfassung zur Pflicht erhob, ging ein Aufschrei durch die Unternehmenswelt. „Das Urteil ist eine Zeitreise in die Vergangenheit“, urteilte der Verband der Familienunternehmer. „Wir Arbeitgeber sind gegen die generelle Wiedereinführung der Stechuhr im 21. Jahrhundert“, hieß es von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisierte: „Mit der Aufzeichnungspflicht ist beispielsweise die Vertrauensarbeitszeit praktisch tot.“

Junge Firmen hingegen haben schon an der Uhr gedreht. Das Düsseldorfer Telekomunternehmen Sipgate führte bereits 2007, drei Jahre nach seiner Gründung, die Stechuhr wieder ein. Überstunden sind nicht gern gesehen in der kleinen Firma mit 170 Mitarbeitern. „Es geht nicht um Überwachung, sondern um Selbstkontrolle“, sagt eine Sprecherin. Der fixe Feierabend nehme viel sozialen Druck. Wer dennoch Überstunden schiebt, wird vom System automatisch daran erinnert, die auch abzubauen.

Lasse Rheingans, Chef einer Bielefelder Digitalagentur, ging noch weiter. Als er 2017 bei Digital Enablers einstieg, führte er den Fünf-Stunden-Tag ein – aus Erfahrung: Er habe zu viele Leute umfallen sehen „in diesem Agenturbusiness“, sagt er. „Acht-Stunden-Tage sind in Wissensjobs doch höchstens zwei-, dreimal die Woche wirklich möglich“, sagt er und schiebt hinterher: „Ich bin ein Pragmatiker – ich will nicht, dass die Leute ihre Zeit absitzen, obwohl sie nicht mehr können oder mit ihren Tageszielen schon lange fertig sind.“

Ein Fünf-Stunden-Tag

Er kürzte die Arbeitszeit auf fünf Stunden pro Tag bei vollem Gehalt und vollem Urlaubsanspruch. Nun müssen Wochenziele erreicht werden. Um die Arbeit zu schaffen, versuchen die Mitarbeiter jede Ablenkung zu vermeiden. „Bei fünf Stunden hat man keinen Puffer“, sagt Rheingans. „Meine Leute treffen sich jetzt nach dem Arbeitstag um 13 Uhr zum Mittagessen, um aus sich heraus das Soziale nachzuholen.“

Doch er gibt auch zu: „Bei manchen klappt der Fünf-Stunden-Tag besser, bei manchen schlechter.“ In Bereichen, in denen die Arbeit schlecht planbar ist wie der Projektarbeit, hätten seine Leute natürlich größere Probleme, mittags fertig zu sein. Die freie Zeit schaffe aber viel mehr Raum für Kreativität, ist Rheingans‘ Erfahrung.

Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sieht den Fünf-Stunden-Tag kritisch: „Da muss es ja zwangsläufig zu Arbeitsverdichtung kommen und die Arbeitnehmer nehmen ein ganz großes Paket mit nach Hause.“ „Die können dann schlechter abschalten und sich erholen.“ Er räumt aber auch ein: Mit der Länge der Arbeitszeit nehme die Leistungsfähigkeit ab.

Dabei sehnen sich nicht alle Menschen nach Freiheit. Manche wünschten sich durchaus die Struktur fester Arbeitszeiten, hat der Outdoor-Ausrüster Vaude festgestellt. Als Firmenerbin Antje von Dewitz vor zehn Jahren das Ruder übernahm, begann sie, die Stempeluhr abzuschaffen und Vertrauensarbeitszeit einzuführen. „Wir haben Schritt für Schritt umgestellt – gegen große Widerstände“, sagt Personalleiterin Miriam Schilling. „Die Menschen geben Sicherheit ab.“ Sie müssten sich selbst fragen: Habe ich genug geleistet? Und sie müssten Verantwortung übernehmen. Das sei nicht jedermanns Sache. Aber auch den Führungskräften werde einiges abverlangt. Sie müssten nicht nur vertrauen können, sondern dann auch durchgreifen.

Sollte das Urteil des EuGH umgesetzt werden, würde das bei Vaude erneut einen großen Umbruch bedeuten. Denn die Arbeitszeit werde dann ja nicht nur erfasst, sagt Schilling. Führungskräfte müssten auch wieder kontrollieren. „Das geht entgegen dem Trend und der Kultur die wir haben“, sagt sie.

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Erstellt:
21. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2019, 06:00 Uhr

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