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Schönheiten und Abgründe
Arabella Steinbacher Foto: Peter Rigaud
Klassisch

Schönheiten und Abgründe

Vom Typus und vom Charakter her hätten der Brite Benjamin Britten und der Deutsche Paul Hindemith unterschiedlicher kaum sein können.

12.04.2018
  • BURKHARD SCHÄFER

Gleichwohl gibt es etwas Verbindendes: Beide schrieben im selben Jahr, 1939, ein dreisätziges Violinkonzert. Jetzt ist beim Label Pentatone (Vertrieb: Naxos) eine SACD erschienen, die beide Werke in einen spannenden Dialog miteinander treten lässt. Arabella Steinbacher und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Vladimir Jurowski loten die Schönheiten und Abgründe der Werke aus und offenbaren deren Tiefenschicht. Steinbacher artikuliert, modelliert, ja zelebriert jede noch so kleine Phrase, spürt mit ihrer lyrisch-warmen und immens beseelten Tongebung den Verletzlichkeiten der Werke nach und taucht dabei vor allem das Konzert von Britten in ein Meer aus Pastellfarben.

Frau Steinbacher, wie kam es zu dieser Konzert-Kombination?

Ich spiele gern Werke aus dem 20. Jahrhundert, da ich mich der Musik dieser Zeit emotional sehr nah fühle. Das meiste Repertoire auf den Konzertbühnen beschränkt sich ja leider auf die Klassiker, und da versuche ich, etwas gegenzusteuern. Beide Konzerte sind 1939 entstanden, und es ist interessant, wie Britten und Hindemith die Vorahnung der schrecklichen Zeit musikalisch artikuliert haben. Dazu kommt noch eine besondere Verbindung zu Hindemith, da mein Vater während seiner Tätigkeit am Münchner Nationaltheater als Solorepetitor mit ihm zusammengearbeitet hat.

Britten war homosexuell und ein bekennender Pazifist. Inwieweit ist es Ihnen wichtig, auch die biografische Ebene der Werke hörbar zu machen?

Als Musikerin tauche ich in die Werke der Komponisten hinein – und deren Musik erzählt mir viel mehr über ihren Charakter als das, was man „offiziell“ weiß. Ich versuche, bei jedem Werk hineinzuhorchen, was dahinter verborgen liegt, und fühle mich als Medium zwischen der Musik und dem Hörer. Brittens Violinkonzert steckt für mich voller Sehnsucht und Anmut, was sicherlich auch mit seiner Person zu tun hat.

Hindemiths Musik war lange Zeit umstritten, Kritiker wie Adorno empfanden sie als reaktionär . . .

Was Kritiker von sich geben, darf man bekanntermaßen nur mit Vorsicht genießen. Wenn man bedenkt, was schon Eduard Hanslick über Tschaikowsky oder Bruckner geschrieben haben. Für mich zählt Hindemith zu den großen Komponisten des letzten Jahrhunderts, und ich würde mir sehr wünschen, dass meine Einspielung dazu beiträgt, die Vorurteile etwas beiseite zu räumen, und dass seine Musik häufiger aufgeführt wird. Burkhard Schäfer

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12.04.2018, 06:00 Uhr
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