Homeoffice

Schöne neue Arbeitswelt?

Die Corona-Pandemie hat das Arbeitsleben vieler Menschen komplett verändert. Die meisten freuen sich über den Gewinn an Freizeit. Aber der Trend zur weiteren Digitalisierung hat auch Schattenseiten.

26.09.2020

Von MICHAEL GABEL UND DIETER KELLER

Arbeiten am Esstisch so sieht für viele derzeit der Berufsalltag im Homeoffice aus. Die meisten Beschäftigten genießen aber die neuen Möglichkeiten. Foto: ©Undrey/shutterstock.com

Berlin. Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat es deutlich gemacht: Die digitale Revolution war bisher unvollendet. Zwar dominiert die Arbeit am Computer schon seit Langem die meisten beruflichen Tätigkeiten. Aber erst jetzt, da ein großer Teil der Beschäftigten zuerst notgedrungen, dann mit immer größerer Lust von zu Hause aus arbeitet, wird die Dimension des technischen Wandels klar. Doch nicht nur die Arbeitswelt hat sich komplett geändert. Wenn sich, worin sich die Experten einig sind, der Trend zu mehr Homeoffice nach der Krise nicht zurückdrehen lässt, dann wird das auch die Gesellschaft und unser Privatleben stark verändern. Zehn Antworten auf die wichtigsten Fragen.

1 Wie werden wir nach der Corona-Zeit arbeiten? Das Homeoffice wird bleiben, davon ist Philipp Grunau vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), überzeugt. Die technischen Voraussetzungen seien in der Krise geschaffen worden, „und viele haben gesehen, dass es eigentlich ganz gut funktioniert“, sagt er dieser Zeitung. Grunau schränkt allerdings ein: Homeoffice sei natürlich nicht für jede Tätigkeit geeignet, und auch durchgehend von zu Hause zu arbeiten sei in den wenigsten Fällen sinnvoll. „Das Beste wird für viele Betriebe ein Mittelweg sein: Die Beschäftigten kommen an zwei, drei oder vier Tagen ins Büro, den Rest erledigen sie im Homeoffice.“

Bei großen Unternehmen wie BASF, Deutsche Telekom, Siemens und dem Kosmetikkonzern Beiersdorf bereitet man sich schon auf diese neue Arbeitswelt nach Corona vor. Man habe seine IT-Kapazitäten „signifikant ausgebaut“, um für die neue Zeit gerüstet zu sein, heißt es etwa bei Beiersdorf. Und die Telekom teilt mit, dass man künftig eintägige Geschäftsreisen möglichst vermeiden und stattdessen Videokonferenzen veranstalten wolle.

2 Wie wird der Trend zum Homeoffice unser Privatleben verändern? Vor allem entfällt der Weg zur Arbeit – mit nervenaufreibendem Hin und Her und Staus. Beschäftigte brauchen also nicht mehr in der Nähe ihres Unternehmens zu wohnen. Das bedeutet: Wer heute noch viel Geld für eine Wohnung in der Innenstadt bezahlt, könnte sich nun im Vorort oder auf dem Land ein Häuschen anschaffen.

„Der Trend zur Immobilie außerhalb der Ballungszentren gewinnt mit der Pandemie eine neue Dynamik“, sagt der Chef des Baufinanzierers Interhyp, Jörg Utecht. Regionen fern der großen Städte könnten davon profitieren. „Aber nur unter der Voraussetzung, dass eine gute Infrastruktur in den Zielgebieten vorliegt. Dazu gehören zum Beispiel gute digitale Anbindungen, Einkaufsmöglichkeiten und eine gute ärztliche Versorgung.“

Für die Innenstädte ergeben sich Nachteile: Fehlt ein Teil der Firmenmitarbeiter, bleibt Kundschaft in den Geschäften, Restaurants und Cafés weg. Außerdem könnte die Nachfrage nach Büroraum einbrechen.

3 Was halten die Beschäftigten vom Homeoffice? Nach einer Auswertung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sind es vor allem die Fahrzeitersparnis sowie bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die eine Mehrzahl der Beschäftigten als Gründe pro Homeoffice angeben. Manche sehen aber auch Nachteile: So gibt es eine große Gruppe von Arbeitnehmern, die die Trennung von Beruf und Privatem für wichtig halten. Ein kleiner Teil befürchtet im Homeoffice Nachteile für die Karriere.

4 Und die Arbeitgeber? Eine Umfrage des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Information unter 500 Personalmanagern hat ergeben, dass 90 Prozent keine Nachteile durch die Heimarbeit während der Pandemie sehen. Zu den Unternehmen, die Heimarbeit ablehnen, gehört die US-Bank JP Morgan. Als Gründe werden genannt, dass die Produktivität der eigenen Mitarbeiter im Homeoffice gelitten habe – „vor allem montags und freitags“ – und dass Jüngeren die Chance genommen werde, von Älteren zu lernen.

5 Müssen Arbeitgeber den Mitarbeitern die Ausstattung für ihr Heimbüro bezahlen? Nach derzeitiger Rechtslage nicht. Denn juristisch gilt das derzeitige Arbeiten von zu Hause aus als „mobiles Arbeiten“ und nicht als Homeoffice. „Daraus ergibt sich kein Recht auf die Übernahme der Kosten für Ausrüstung und Wohnraum durch den Arbeitgeber“, heißt es in einer Stellungnahme der Forschungsabteilung der Deutschen Bank.

6 Wer entscheidet, ob die Mitarbeiter ins Homeoffice gehen? Bei kleineren Firmen bestimmt die Leitung, ob Telearbeit möglich oder nötig ist. Anders sieht es bei Unternehmen aus, in denen ein Betriebsrat besteht. Der hat ein Mitbestimmungsrecht. Das Münchner Ifo-Institut verweist darauf, dass das Homeoffice ohnehin nur für 56 Prozent der Beschäftigten infrage kommt. Denn viele berufliche Tätigkeiten ließen sich nur vor Ort erledigen.

7 Macht Homeoffice faul? Manche Arbeitgeber befürchten das. Philipp Grunau vom Nürnberger IAB teilt diese Auffassung nicht. Von der Idee, vielleicht doch vorhandene Leistungsdefizite durch mehr Kontrollen zu verhindern, hält Grunau wenig. „Besser ist es, wenn Führungskräfte und Mitarbeiter individuelle Ziele vereinbaren. Später lässt sich überprüfen, ob diese Ziele erreicht wurden.“ In einer aktuellen Umfrage der Deutschen Angestellten-Krankenkasse gibt mehr als die Hälfte der Beschäftigten an, im Homeoffice produktiver zu sein als im Büro.

8 Warum will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ein Recht auf Homeoffice durchsetzen? Der SPD-Politiker hält mehr Flexibilität für nötig, um Familie und Freizeit so im Leben einzubauen, „dass die Arbeit stärker zum Leben passt und nicht umgekehrt“. Jeder, der es möchte und bei dem es der Arbeitsplatz zulässt, solle im Homeoffice arbeiten können – auch wenn die Corona-Pandemie wieder vorbei sein sollte. Allerdings ist sich Heil auch im Klaren, dass das nicht in allen Berufen geht: Ein Bäcker kann die Brötchen nicht zu Hause backen. Im Kabinett hat man sich noch nicht geeinigt. Es gibt nicht einmal einen Gesetzentwurf. Im Koalitionsvertrag steht nur die Absicht, einen „rechtlichen Rahmen für mobiles Arbeiten“ zu schaffen. Da geht es etwa um die Erfassung der Arbeitszeit und die Erreichbarkeit. Ob die Union überhaupt einem Gesetz zustimmt, ist ungewiss.

9 Wie sieht die steuerliche Seite des Homeoffice aus? Wer längere Zeit im Homeoffice arbeitet, kann derzeit nur dann etwas von der Steuer absetzen, wenn es ein abgeschlossenes Arbeitszimmer gibt, und das auch nur, wenn zwangsweise zu Hause gearbeitet wurde. Wer seinen Arbeitsplatz auf dem Küchentisch eingerichtet hat, geht leer aus. Es gibt zwei Vorschläge von Bundesländern, das zu ändern: Hessen und Bayern wollen für jeden Tag im Homeoffice einen Pauschalbetrag von fünf Euro einführen, maximal 600 Euro im Jahr. Das Land Baden-Württemberg möchte gerne die Arbeitnehmerpauschale um 500 Euro erhöhen. Dann wären weder Belege noch ein Antrag nötig. Allerdings dürfte beides im Bundesrat keine Mehrheit finden. In vielen Fällen liegt für den Steuerzahler der Wert der Entfernungspauschale für die tägliche Fahrt zum Arbeitsplatz über diesem Betrag.

10 Bekommen die Parteien durch das Homeoffice ein neues Wählerklientel? Bei der SPD glaubt man fest daran. „Der Umbruch wird enorm“, sagte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil im Interview mit dieser Zeitung. „Die SPD wird die politische Kraft sein, die diesen Wandel zum Wohle der Beschäftigten gestaltet.“ Bei Grünen und Linken hält man das Thema ebenfalls für sehr wichtig. Da will der Sozialflügel der CDU nicht zurückstehen. Er fordert, dass Arbeitgeber die Homeoffice-Kosten anteilig übernehmen – sogar für Wasser und Strom.

Der Kontakt zu Kollegen leidet, sagten viele der Befragten. Foto: Grafik Peters / Quelle: Statista

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Erstellt:
26. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. September 2020, 06:00 Uhr

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