Notdienste

Schlüssel gegen Kriminelle

Seriöse Anbieter geben Festpreise an, andere verlangen vor Ort zuviel und können bedrohlich werden: Ein junges Unternehmen hilft Verbrauchern, ehrliche Schlüsseldienste zu finden.

26.09.2020

Von Caroline Strang

Wer sich ausgesperrt hat, ruft den Schlüsseldienst. Eine Branche, in der sich auch Betrüger tummeln. Foto: AndreyPopov/Thinkstock/Gelbe Seiten Marketing GmbH/obs/dpa

Die Tür fällt ins Schloss, der Schlüssel steckt – innen. Was ist nun zu tun? Einen Schlüsseldienst rufen. Nicht immer gelingt es, im Internet einen guten Anbieter zu finden, der angemessene Festpreise angibt und schnell hilft. In dieser Branche sind auch Betrüger unterwegs. Deshalb hat der Bundesrat vergangene Woche einen Gesetzentwurf beschlossen, der Anbieter verpflichtet, ihre Preisverzeichnisse bei der zuständigen Aufsichtsbehörde zu hinterlegen sowie ihre Angaben im Internet zu veröffentlichen.

„Wir gehen schon davon aus, dass das Gesetz die Lage verbessern kann“, sagt Julia Gerhards, die Referentin Verbraucherrecht und Datenschutz in der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit der Branche. Allerdings sehe sie den Entwurf nicht als die eine Maßnahme, „die das große Heil bringt“.

Der Bundesverband Sicherungstechnik Deutschland, in dem auch Schlüsseldienste vertreten sind, will zum Entwurf noch keine Aussagen machen. Er müsse erst einmal innerhalb des Verbandes diskutiert werden.

Auf Profis angewiesen

Das Problem der Branche sind ihre Schwarzen Schafe. Wer vor verschlossener Haustüre steht, ist auf einen Profi angewiesen. Die meisten Menschen in solch einer Notlage suchen auf ihrem Smartphone nach einem Schlüsseldienst und rufen einen der angezeigten Anbieter zu Hilfe.

Im Normalfall kommt die Hilfe schnell, ist höflich und verlangt einen vernünftigen Betrag. Der Bundesverband Metall schlägt in seiner Preisempfehlung für Notöffnungen werktags tagsüber 83 bis 100 Euro vor. Dazu kommen Anfahrtskosten. Nachts, an Wochenenden und Feiertagen liegen die empfohlenen Preise bei bis zu 230 Euro.

Was der Einsatz eines Schlüsseldienstes wirklich kostet, zeigt eine aktuelle Preisstudie des digitalen Handwerksvermittlers Mellon. Dafür wurden die Kosten von annähernd 4200 Schlüsseldiensten in 786 deutschen Städten verglichen.

Das Ergebnis: „Der durchschnittliche Preis für eine Türöffnung ist mit 137 Euro deutlich höher als der von Experten empfohlene“, schreiben die Studienmacher. Mehr als die Hälfte der Anbieter verlange zu viel. Außerdem kommuniziere bisher kaum ein Schlüsseldienst seine Preise auf einer Webseite und nur die Hälfte gebe den Preis auf Nachfrage am Telefon an.

Wer Pech hat, gerät an einen dieser unseriösen Anbieter. Die reden sich am Telefon oft raus, wenn sie nach dem Preis gefragt werden, oder lügen, bestätigt Gerhards. Sie öffnen die Tür und verlangen dann einen deutlich überhöhten Preis.

„Eigentlich sollte man sich dann weigern, zu bezahlen, und die Polizei rufen“, empfiehlt die Verbraucherschützerin. Denn im Nachhinein Geld zurückzufordern, sei sehr schwierig. Sie warnt aber: „Wir haben es in diesem Fall häufig mit Kriminellen zu tun. Da kann eine Bedrohungslage entstehen.“ Besser sei es, in solch einer Situation nicht allein zu sein.

„Eigentlich sollte man sich weigern, zu bezahlen, und die Polizei rufen“, sagt Julia Gerhards von der Verbraucherzentrale. Foto: Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz

Offizielle Umsatzzahlen der Branche findet man nicht. Eine Ahnung bekommt man, wenn man einen großen Prozess in Kleve betrachtet, bei dem vor zwei Jahren ein Netzwerk an Betrügern verurteilt wurde. Insgesamt sollen die Drahtzieher der „Deutschen Schlüsseldienst Zentrale“ über die Tricksereien in wenigen Jahren knapp 77 Millionen Euro umgesetzt haben.

Gerhards sieht mehrere Ansatzpunkte, wie man gegen Betrüger vorgehen kann. Nach ihren Worten müssten die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft bundesweit und zentral koordiniert werden. Allein das Ausgesperrtsein gilt inzwischen als Zwangslage, es komme also der Tatbestand des Wuchers in Frage. Eine weitere wichtige Frage für Betroffene: Wie kann ich auf die Schnelle seriöse Schlüsseldienste finden? Gerhards Einschätzung: „Einen Branchenverband seriöser Schlüsseldienstanbieter mit einem entsprechenden Netz an Mitgliedern gibt es nach unseren Recherchen nicht.“

Hier könnte ein junges Start-up ins Spiel kommen. „Türöffnungen sind in 95 Prozent der Fälle in ein paar wenigen Minuten möglich und es gibt genügend seriöse Schlüsseldienste am Markt, die es für einen günstigen und fairen Preis machen würden“, sagt Robert Zinn. Der junge Mann aus Tübingen ist Basketballer und spielt in der Schweizer Bundesliga und in der Nationalmannschaft.

In jüngster Zeit hat er auch noch eine andere Mission. Mit einem Team von vier Mitarbeitern baut er eine Internetseite auf, die für ganz Deutschland seriöse Schlüsseldienste mit ihren Preisen listet. Sie heißt schluesseldienst-preisvergleich.de. „Wir haben bisher mit mehr als 300 Schlüsseldiensten in Deutschland telefoniert“, sagt Zinn. „Viele sind von der Idee begeistert und wollen kooperieren, da sie selbst unter den Schwarzen Schafen leiden.“

Das Team fragt nach Preisen, nach unseriösen Mitbewerbern und sucht im Netz nach Hinweisen auf betrügerische Aktivitäten wie fehlende Impressi auf den Homepages oder falsche lokale Vorwahlen. Außerdem gibt es auf der Internetseite ein Bewertungssystem, in dem die Nutzer ihre Erfahrungen mit den verschiedenen Anbietern teilen können.

„Momentan sind wir gerade noch dabei, für alle Städte in Deutschland die Anzahl an gelisteten Schlüsseldiensten weiter auszubauen und der Website den finalen Schliff zu geben. Wir haben aber bereits heute schon einen ersten Überblick in den größten 100 Städten“, erklärt Zinn.

„Spannend“ findet die Verbraucherschützerin Gerhards die Seite des jungen Basketballers. Es sei zu überlegen, ob solch ein Angebot nicht mehr unterstützt werden sollte, auch von staatlicher Seite.

Gerhards hofft jedenfalls auf eine Verbesserung der Situation. Zwei Maßnahmen hätten schon gut gewirkt. Zum einen mache die Bundesnetzagentur von ihrem Recht Gebrauch, bei einer vorgetäuschten Ortsansänsässigkeit die betroffene Rufnummer abzuschalten. Außerdem schalte der US-Konzern Google derzeit auf freiwilliger Basis keine Werbeanzeigen mehr für die Keywords „Schlüsseldienste“ und „Schlüsselnotdienste“ – denn darüber hatten unseriöse Anbieter erreicht, sofort von den Verbrauchern gefunden zu werden.

Grafik: Peters / Quelle: Getmellon.de

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Erstellt:
26. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. September 2020, 06:00 Uhr

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