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Warten auf den Weltraumbahnhof

Schlamperei und Korruption: Bauarbeiten am Kosmodrom in Russlands Osten verzögern sich

In fernen Osten, rund 8000 Kilometer von Moskau entfernt, plant Russland die Zukunft seiner Raumfahrt. Doch Skandale und technische Probleme behindern die Bauarbeiten des neuen Kosmodroms.

17.10.2015
  • STEFAN SCHOLL

Moskau Wegen Schlampereien und Korruption wird Russlands neuer Weltraumhauptbahnhof erst mit Verspätung eröffnet. Doch die Experten sind eher erleichtert: "Jetzt kann ohne Zeitdruck weiter gebaut werden", sagt Igor Marinin, Chefredakteur der Fachzeitung "Nowosti Kosmonawtiki". "Das wird der Qualität der noch ausstehenden Arbeiten nur gut tun. Auch Mängel können in Ruhe beseitigt werden."

Eigentlich hätte das Kosmodrom "Wostotschny", Russlands neuer Weltraumbahnhof im fernöstlichen Amur-Gebiet, am 25. Dezember in Betrieb gehen sollen - mit dem Countdown für die erste Saturn-Trägerrakete, die schon in einer Montagehalle des Kosmodroms bereit liegt. Noch am Dienstag hatte Vizepremier Dmitri Rogosin, zuständig für Russlands aktuellstes Prestigeprojekt, Wladimir Putin vor Ort versichert, man könne den Dezember-Termin noch einhalten. Aber der Staatschef selbst schlug vor, den Start zu verschieben. "Kosmische Tätigkeit ist nicht die Sphäre, wo man Sturmangriffe braucht." Es wäre aber prima, wenn man die erste Rakete von "Wostotschny" am "Tag der Weltraumfahrt", also bis zum 12. April 2016, ins All schießen könnte. Putin hat die Superbaustelle bei dem Städtchen Uglegorsk gefallen. "Grandios" nannte er sie hinterher. Tatsächlich ist "Wostotschny" durchaus mit den gigantischen Industrieprojekten der Sowjet-Ära zu vergleichen. Eine 300 Quadratkilometer-Schneise zieht sich durch die Taiga, mit 115 Straßen- und 125 Schienenkilometern. Sauer- und Wasserstofffabriken, Dutzende riesiger Antennenschüsseln, monumentale Montage-, Versuchs-, und Lagerhallen stehen um den Kontrollturm und den zehnstöckigen Bedienungsturm der Raketenstartrampe. Der 1600 Tonnen schwere Stahlriese gilt schon jetzt als Wahrzeichen des Kosmodroms.

"Technisch betrachtet bietet ,Wostotschny' keine grundsätzlich neuen Lösungen, sagt Experte Marinin der SÜDWEST PRESSE. "Es unterscheidet sich kaum von Kourou in Französisch-Guayana, außer durch verstärkte Wärmeisolation gegen den Winterfrost." Die bis zu 35 Grad minus Außentemperaturen und die Lage gelten als größte Nachteile des neuen Weltraumzentrums. Es ist im Gegensatz zu Kourou weit weg vom Äquator, was die Lasten, die hier startende Raketen tragen können, verringert.

Das gilt auch gegenüber Russlands bisherigem Weltraumhauptbahnhof Baikonur in Kasachstan. "Aber ,Wostotschny' macht die russische Raumfahrt unabhängig", sagt Marinin. "Kasachstan ist zwar ein befreundeter Staat, aber bei einem Regimewechsel dort ist nicht auszuschließen, dass uns die Nutzungsrechte entzogen werden."

Wirtschaftlich aber ist höchst ungewiss, wann "Wostotschny" sich rechnen wird. Der Pachtvertrag für Baikonur läuft bis 2050 und kostet 115 Millionen Dollar im Jahr. Für den Bau von "Wostotschny" wurden insgesamt Ausgaben in Höhe von 300 Milliarden Rubel veranschlagt, nach heutigem Kurs knapp 4,2 Milliarden Euro. Da der Rubel aber seit Baubeginn 2011 stark gefallen ist und ein Großteil der Maschinen aus dem Ausland stammen, könnten es auch 6 bis 7 Milliarden Dollar werden. Zumal schon jetzt Rubelsummen in Milliardenhöhe fehlen.

Wie in Russland auf staatlichen Baustellen üblich, sollen Aufträge an die etwa 130 beteiligten Unternehmen und Subunternehmen überteuert vergeben worden sein. Putin selbst klagte, die Staatsfirma Spezstroi habe seit 2011 über 70.4 Milliarden Rubel (knapp 1 Milliarde Euro) Vorschüsse vergeben, von denen aber nur 32,3 Milliarden Rubel verbaut wurden - und das oft schlampig. Die Baufirmen zockten die eigenen Arbeiter ab, im Frühjahr begannen im "Wostotschny" Streiks und Hungerstreiks, weil viele Bauarbeiter seit Monaten kein Gehalt mehr gesehen hatten.

Der Ex-Chef der Bundesbehörde für Preisbildung wurde inzwischen wegen Korruption verhaftet. Die Presse kritisiert auch Vizepremier Rogosin heftig. Dieser hatte verkündet, er werde jedem den Kopf abreißen, der nur einen Rubel beim Bau des Kosmodroms stehlen werde. "Und wie viel hat es gekostet, auf der Baustelle Videokameras aufzustellen, die Rogosin live in seinem Moskauer Büro über das Geschehen informieren?", lästert die Zeitung "Moskowski Komsomoljez". Beim Zuschauen scheint Rogosin beide Augen zugedrückt zu haben, ähnlich wie sein Chef Putin jetzt.

Schlamperei und Korruption: Bauarbeiten am Kosmodrom in Russlands Osten verzögern sich

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17.10.2015, 12:00 Uhr
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