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In Reutlingen ist eine der ältesten Häuserzeilen Deutschlands akut einsturzgefährdet

Schiefer als der Turm von Pisa

Den großen Stadtbrand von 1726 hat es überstanden. Doch die Zukunft des historischen Ensembles in der Reutlinger Oberamteistraße ist ungewiss.

14.07.2016

Von BERND ULRICH STEINHILBER

Die Häuserzeile ist ganz schön alt, aber auch ganz schön marode: Reutlinger Sorgenkinder an der Oberamteistraße. Foto: Ralf Ott

Reutlingen. Einst residierte hier das gehobene Bürgertum, heute wird das Ensemble in der Oberamteistraße als „Reutlinger Pfahlbauten“ verspottet. Tatsächlich ist eine der ältesten zusammenhängenden mittelalterlichen Fachwerkhäuserzeilen Deutschlands vom Einsturz bedroht. „Statische Sofortmaßnahmen“ sollen das zwar verhindern. Ob die Gebäude aber auf Dauer gerettet werden können, bleibt in der mit historischen Gebäuden nicht gerade gesegneten Großstadt vorerst offen.

Seit über 40 Jahren geistert das Thema durch die Reutlinger Kommunalpolitik, und immer noch hat man auf dem Rathaus keinen verbindlichen Plan zur Rettung der Häuserzeile. Das unter Denkmalschutz stehende Ensemble datiert in Teilen ins 13. Jahrhundert und gilt als stadtbildprägendes Ensemble. Jetzt, wo es akut einzustürzen droht, wird wieder mal rasch gehandelt.

Dabei hat sich die Stadt selbst eingebrockt, was ihr nun teuer zu stehen kommt. Ohne Not wurde 1972 das angrenzende Eckgebäude abgerissen und der mittelalterlichen Zeile eine Stütze genommen. Auf der anderen Seite vom Heimatmuseum gehalten, gerieten nach und nach zwei Häuser in Schräglage. Mit teilweise acht Grad wird der schiefe Turm von Pisa um das Doppelte übertroffen. Eine Untersuchung aller drei Gebäude im Frühjahr förderte massive Schäden an der Tragwerkkonstruktion zutage, gelöste Holzverbindungen, Deformationen der Fassade, eine auseinandergetriebene Brandmauer.

Wenn auch an Taten, so hat es in den vergangenen Jahrzehnten an Vorschlägen nicht gefehlt. In die 80er Jahre geht ein Gemeinderatsbeschluss zurück, die Häuser zu restaurieren und dem Heimatmuseum anzugliedern. Der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft GWG sollte die Sanierung übertragen werden, forderten CDU und später Grüne. „Wir haben das schon vor neun Jahren beantragt“, klagt CDU-Fraktionschef Andreas vom Scheidt. „aber die Verwaltung hat nicht reagiert.“

Fraglich ist ob sich Oberbürgermeisterin Barbara Bosch mit dem aktuellen Vorschlag durchsetzt, wegen Geldmangels die Sanierung einem privaten Investor zu überlassen. Anträge aus dem Gemeinderat, das 1972 abgerissene Gebäude durch ein neues zu ersetzen und ein durchgängiges Sanierungskonzept vorzulegen, stehen im Raum. Eine 2012 vom Architekturbüro Space?4 erstellte Machbarkeitsstudie empfiehlt einen Mix aus Wohnen, Gewerbe und Museumsnutzung, prognostiziert aber Sanierungskosten zwischen 4,6 und 10 Millionen Euro.

Wie es mit der Oberamteistraße 28 bis 32 weitergeht, ist völlig offen. Nächste Woche, am 20. Juli, will Baubürgermeisterin Ulrike Hotz die Öffentlichkeit im Spitalhof über die vorliegenden Gutachten informieren. Erst danach könne man das weitere Vorgehen besprechen. Auch Hotz hat sich immerhin für eine rasche Erhaltung und Nutzung ausgesprochen. „Die Kostbarkeiten müssen wir auf jeden Fall erschließbar machen“, wozu auch eine über 300?Jahre alte Stube mit Bohlendach zählt.

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Erstellt:
14. Juli 2016, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Juli 2016, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Juli 2016, 06:00 Uhr

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