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Ex-OB Brigitte Russ-Scherer jetzt im Bilde

Schaut her, sie ist’s!

Im Rathaus gibt es eine Gemäldegalerie: Tübinger Oberbürgermeister in Öl. Sie bekommen nun Gesellschaft von Ex-OB Brigitte Russ-Scherer.

07.08.2009

Von Wilhelm Triebold

Tübingen. Es gibt die raubauzige Anekdote, dass lange nach der Bundestagswahl, mit der Angela Merkel den Vorgänger Gerhard Schröder ablöste, Kanzleramts-Besucher vor der Ahnengalerie der Regierungschefs irritiert nachfragten: „Warum wird der Schröder nicht aufgehängt?“ Merkel und Schröder sollen sich, heißt es, über diese Art Brachialhumor köstlich amüsiert haben. In der Kanzler-Riege gab es immer wieder Verwerfungen, wenn der Porträtierte mit dem offiziellen Abbild konfrontiert wurde. Schröder hingegen war mit der goldig-ironischen Heldenverehrung aus dem Hause Immendorf mehr als zufrieden.

Ein Stapel Fotografien

als Bild-Material

Das Tübinger Pendant sind weniger die Kanzlerporträt der Uni als die Gemälde, die im dritten Obergeschoss des Rathauses von der glorreichen OB-Vergangenheit der Stadt Zeugnis ablegen. Nach dem Krieg wurden hier die Herren Viktor Renner, Adolf Hartmeyer, Wolfgang Mülberger, Hans Gmelin und Eugen Schmid versammelt, genauer: ihre Bildnisse. Diese Herrschaften mussten nun ein bisschen zusammenrücken, um die erste Frau in ihren Reihen aufzunehmen, die von 1999 bis 2006 im Tübinger Rathaus regierte: Brigitte Russ-Scherer. Zu diesem Zwecke wurde das Stockwerk schöner hergerichtet und gemalert; und zwei Haken direkt neben des Herzogs zu Mecklenburgs photorealistischem Konterfei des staatsmännischen Stadtoberhaupts Eugen Schmid verraten schon, wo Brigitte Russ-Scherer (nein, ihr Bild!) zum Hängen kommt.

Das Porträt selber ruht derweil noch im Rathaus-Tresor, einem sicheren Raum, in dem auch die Amtskette und das Goldene Buch der Stadt zu finden sind („In guter Gesellschaft“, wie Hauptamtschef Jochen Großhans, der das Bild gestern kurz hervorholte, meint). Gemalt hat es Tübinger Künstler und Künstlerbund-Vorsitzende Axel von Criegern, den Russ-Scherer selbst eingefädelt hat. Es sei eine Ehre, den oder die OB porträtieren zu dürfen, so empfand es der Maler, der dies aber anderthalb Jahre nach der Abwahl der nach Berlin abgewanderten Ex-OB nun auch nicht „aus der Erinnerung“ erledigen wollte. Also benutzte er einen Stapel Fotografien für seine Entwürfe, aber „nur als Material“, wie von Criegern betont.

Die zweite Version

war ihr zu blau

Das unterscheidet ihn von Eugen-Schmid-Porträtist und Malerfürst Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg, der sich mit der getreulichen hyperrealistischen Wiedergabe des rein Sichtbaren begnügt. Ein Porträt verlangt „von dem Maler sehr viel Empathie“, findet dagegen Axel von Criegern. Wie viel darf ein Porträt, das ja zuerst einmal die Oberfläche der zu porträtierenden Person wiederspiegelt, über diese Person verraten? Über ihre Abgründe, Eigenarten, vielleicht auch Verhaltensweisen? Criegerns Acryl-Porträt der Brigitte Russ-Scherer kommt da eigenwillig jugendfrisch daher: Fast heiter-beglückt und entspannt lächelt sie den Betrachter an, als habe es Tübingen-Tristesse, Boehringer-Debakel und den schlimmen Frust der Wahlnacht nie gegeben.

Eine dynamische, zugewandte Politikerin ist zu sehen, die sich da von ihren teils würdevoll an Schreibtischen verharrenden Amtsvorgängern absetzt (nur Gmelin, der 1975 angesichts des offiziellen Abschiedsbildes des oberschwäbischen Landschafters Gerhard Maier peinlich berührt hervorstieß, wenigstens leuchte sein linkes Auge in gewohnter Strenge, bekam mit Ilse Winklers versöhnlicher Zeichnung, stattdessen ein ähnlich „bewusst unfertiges“ Bild verpasst). Das offiziöse Russ-Scherer-Porträt ist übrigens die dritte und letzte Version. Eine erste kam nicht in Frage, weil der Maler sein Modell da mit anderen politisch-allegorischen Parteienvertretern umgab, „Blinde oder auch welche mit Sonnenblumen auf dem Kopf“.

Die zweite Fassung wirkte wiederum zu „matronenhaft-mütterlich“; Russ-Scherer im roten Kostüm, „da fehlte die charakteristische Schärfe“, wie sie selbst feststellte. Als sie mit dem Gatten im Schlepptau dann doch zur einzigen Sitzung beziehungsweise Inspektion in des Malers Atelier auftauchte, nahm – ungewöhnlich genug – das Modell doch einmal Einfluss auf das Motiv: „Das ist mir zu blau“, befand sie. Nun leuchtet der typisch kanariengelbe Hosenanzug, und der Künstler ist erleichtert, im „hochpolitischen Umfeld“ das Porträt fertiggestellt zu haben.

Eine Jeanne d?Arc der Kommunalpolitik hat er nicht gemalt vielmehr eine natürliche, unverkrampft wirkende Frau, wie sie früher vielleicht in der Werkstatt der passionierten Leute-Malerin Rosie Maier vorbeigeschaut hätte. Auffallend natürlich, mit spürbarer Sympathie gezeichnet. Axel von Criegern macht kein Hehl daraus, dass mehr Positives als Kritik bei ihm das Russ-Scherer-Bild entscheidend bestimmt: Zwar kein Parteigänger der SPD-Frau, unterstützte er sie doch in ihrem Wahlkampf.

Während Eugen Schmid nach seiner langen Amtszeit sich selbst um das Porträt für die Rathaus-Galerie kümmerte und dies auch noch durch eine Spende finanziert wurde, wurde diesmal Hauptamtsleiter Großhans für die Stadt tätig. Und sie zahlte dann auch für das Auftragswerk; eine Summe „im vierstelligen Bereich in der unteren Hälfte“, wie Großhans wiederum unnachahmlich formulierte.

Aufgehängt wird das Rathaus-Porträt der Brigitte Russ-Scherer am 28. Oktober, wenn die ehemalige Oberbürgermeisterin sowieso in Tübingen erwartet wird: Vorgeladen zum Prozess zwischen Stadt und Investor wegen des Weilheimer Lidl-Streits. Russ-Scherer und Nachfolger Boris Palmer werden dann das Bild seiner Bestimmung übergeben. Weise vorausschauend hat die neue Hängung, die alle bisherigen Amtsinhaber zusammenrücken lässt, gleich mal Platz für zwei weitere OB-Porträts gelassen.

Demnächst wird er 70, der Doyen der Tübinger Bildenden Kunst: Axel von Criegern hat für die städtische Oberbürgermeister-Galerie die gewesene Rathauschefin Brigitte Russ-Scherer verewigt. Voilà, hier ist das Resultat: Eine sichtlich gelöste Ex-Politikerin schaut uns an. Bild: Metz

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Erstellt:
7. August 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. August 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. August 2009, 12:00 Uhr

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