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Kleiner Athlet als Meisterwerk

Schatz des Monats Januar: Der Waffenläufer ist ein altbekanntes Tübinger Highlight

In unserer Reihe „Schatz des Monats“ präsentieren die Kustod(inn)en des Museums Schloss Hohentübingen die besten Stücke der Dauerausstellung Alte Kulturen. In diesem Monat: Der Tübinger Waffenläufer.

05.01.2016

Von Kathrin B. Zimmer

Der Waffenläufer im Mikrodiffraktometer der Mineralogie der Universität Tübingen. Bild: Zachmann, Unimuseum

Tübingen. Viele Tübinger dürften sie kennen, die kleine Statuette aus massiver Zinnbronze, die einen unbekleideten Mann mit Helm in leichter Schrittstellung zeigt (Abbildung unten). Weit vorgebeugt streckt der Bärtige seinen rechten Arm waagrecht nach vorne, die Bohrung in der linken Faust zeigt deutlich an, dass sie ursprünglich einen Gegenstand gefasst hielt. Ein heute verlorener Helmbusch lief nach vorn und hinten spitz zu und hing ursprünglich bis weit auf den Rücken herab. Mittels zweier runder Zapfen an den Fußsohlen ist die Figur mit ihrer flachen bronzenen Standplatte fest verbunden.

Den so genannten Tübinger Waffenläufer hatte Carl Sigmund Tux (1715–1798), Regierungsrat sowie Lehens- und Wechselgerichtssekretär, bereits von seinem Vater geerbt, und als er am 29. Januar 1798 ohne Erben verstarb und seine Sammlung der Universität Tübingen vermachte, gelangte die Bronze von Stuttgart nach Tübingen. Nachdem der kleine Athlet hier zunächst ein unscheinbares Dasein fristete, verdankte er seine Wiederentdeckung und Neuaufstellung dem Münchner Hofrat Friedrich Thiersch. Dieser erkannte 1827 die Ähnlichkeit der 16,3 Zentimeter hohen Bronzefigur mit den annähernd lebensgroßen marmornen Giebelfiguren des Aphaia-Tempels auf Ägina, den sogenannten Ägineten, die in eben diesem Jahr – von dem Bildhauer Bertel Thorvaldsen in Rom ergänzt und rekonstruiert – nach München gelangt waren. Vor diesem Hintergrund entfaltete die kleine Bronze eine neue Wirkung: Ihre Formensprache erregte nun Interesse anstatt wie bislang Befremden. Die Fragen, worum es sich handle und wie die Figur zu ergänzen sei, standen mit einmal im Raum.

Wie Röntgenaufnahmen zeigen, ist die um 490/80 v. Chr. gefertigte Statuette als Vollguss nach dem Wachsausschmelzverfahren hergestellt worden. Für eine Materialanalyse wurden 1886 mit Rücksicht auf die Figur lediglich von der angesetzten Bodenplatte drei Proben entnommen und durch den Tübinger Chemiker Lothar Mayer analysiert. Die Legierung setzt sich hier aus 88 Prozent Kupfer, 11 Prozent Zinn und 0,4 Prozent Eisen zusammen. Erst neuere, moderne Techniken konnten auch über die Materialzusammensetzung der Statuette Aufschluss geben: Aktuelle Untersuchungen der Oberfläche mittels ortsaufgelöster µ-Röntgenfluoreszenz und µ-Röntgendiffraktometrie (Abbildung oben) lassen deutlich eine etwas andere Legierung von Figur und Standplatte erkennen und weisen darauf hin, dass Figur und Standplatte wohl erst in der Neuzeit zusammengefügt wurden.

Die charakteristische Haltung des Mannes führte Friedrich Hauser Ende des 19. Jahrhunderts zur Interpretation der Statuette als Waffenläufer in Startposition – eine Deutung, die heute als unbestritten gelten kann. Vergleiche für das von Karl Schefold 1960 als „Lehrstück der Kunstgeschichte“ benannte Figürchen finden sich unter anderem auch in der Vasenmalerei oder der Münzprägung.

Schriftliche Quellen und bildliche Überlieferung lassen die Sonderstellung des Waffenlaufs erschließen, der Disziplin, die in der griechischen Antike in Siegerlisten und Sportinschriften als „hoplites“ (der Schwerbewaffnete) oder „hoplites dromos“ (Lauf in schwerer Rüstung) bezeichnet wurde. Als Agon der Männer wurde er in der 65. Olympiade, also 520 v. Chr., in Olympia erstmals durchgeführt. Der berühmteste Austragungsort für den Waffenlauf aber war Plataiai, der Ort, an dem 479 v. Chr. die Perser durch die Athener vernichtend geschlagen worden waren. Allein in Plataiai wurde der Waffenlauf über ganze 15 Stadien (= 2700 Meter) ausgetragen, weswegen dessen Sieger auch als „bester der Griechen“ gerühmt wurde.

Der Tübinger Waffenläufer, im attischen Raum entstanden, dürfte als Votiv eines siegreichen Athleten in einem Heiligtum seiner Heimatstadt gedient haben. Damit muss er gut sichtbar und mit einer Inschrift versehen aufgestellt gewesen sein, so dass jeder Passant über den Namen und die Leistung des siegreichen Sportlers in Kenntnis gesetzt wurde.

Im November 2015 wurde die Bronze in der Reihe der Kleinen Monografien des Museums der Universität Tübingen MUT neu vorgelegt. Die Publikation gibt ausführliche Einblicke in die aktuelle Forschung zu einem altbekannten Tübinger Highlight, sie fragt nach den Herstellungstechniken ebenso wie nach der Aufstellung des Votivs und der Rezeption der Statuette im 19. und 20. Jahrhundert.

Schätze Alter Kulturen

Das Museum der Universität Tübingen (MUT) vereint die größte Zahl an Universitätssammlungen im deutschsprachigen Raum. Nach einer aktuellen Modernisierung präsentiert das MUT die Alten Kulturen auf Schloss Hohentübingen nun auch im neuen Licht. Hier werden derzeit etwa 4000 Objekte von der Urgeschichte über die Klassische Antike bis zu den außereuropäischen Weltkulturen präsentiert. Öffnungszeiten: mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, donnerstags von 10 bis 19 Uhr.

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Erstellt:
5. Januar 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Januar 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Januar 2016, 01:00 Uhr

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