Geldwäsche

Schattengeschäfte in Milliardenhöhe

Ein Journalisten-Netzwerk enthüllt, wie Banken mit dubiosen Kunden kooperieren. Auch deutsche Institute sind in den Skandal verstrickt.

22.09.2020

Von ROLF OBERTREIS

Die Deutsche Bank in London. Foto: Tolga Akmen/afp

Nach von einem internationalen Journalisten-Team aufgedeckten Defiziten im weltweiten Kampf gegen Geldwäsche werden Konsequenzen gefordert. SPD-Chef Norbert Walter-Borjans verlangt „eine fühlbare Sanktionierung von Verstößen“. Der frühere grüne Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick von der Bürgerbewegung Finanzwende erklärt: „In Deutschland brauchen wir endlich eine einheitliche Aufsicht beim Thema Geldwäsche, verbunden mit dem klaren Auftrag zur Kriminalitätsbekämpfung“.

Informationen aus Datenleck

Worum geht es konkret? Die von dem Recherche-Netzwerk ICIJ, zu dem etwa Süddeutsche Zeitung, WDR und NDR zählen, bekannt gemachten Informationen aus einem Datenleck des US-Finanzministeriums offenbaren nach Angaben der beteiligten Medien, dass Banken aus aller Welt über Jahre hinweg Geschäfte mit hochriskanten Kunden abgewickelt haben. Die Institute hätten trotz strenger Regularien mutmaßliche Kriminelle als Kunden akzeptiert und für diese Überweisungen in Milliardenhöhe ausgeführt. Gemeldet wurden diese Vorgänge den Berichten zufolge mitunter zögerlich und teils mit jahrelanger Verspätung.

In den USA müssen Banken, auch Institute aus anderen Ländern, Verdachtsmeldungen über Geldwäsche in Dollar an das Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN), eine beim US-Finanzministerium angesiedelte Vollstreckungsbehörde, melden. Allein 2019 waren das 2,3 Millionen Verdachtsberichte, sogenannte Suspicious Activity Reports (SAR). In Deutschland landen sie bei der Financial Intelligence Unit (FIU) des Zolls sowie bei den Landeskriminalämtern und Staatsanwaltschaften.

Bei den aktuellen Unterlagen, die die Journalisten analysiert haben, geht es zwar nur um 2100 Verdachtsfälle zwischen 2000 und 2017. Die rund 22 000 Seiten geben aber einen Einblick in das fragwürdige Verhalten der Banken. Zu den Instituten, die in den FinCEN-Unterlagen auftauchen, gehören die US-Bank JP Morgan, die britischen HSBC und Standard Chartered, aber auch die Deutsche Bank und die teilverstaatlichte Commerzbank.

Allein 982 der 2100 Meldungen stammen nach Angaben der „Süddeutschen Zeitung“ von der Deutschen Bank. Volumen: 1,3 Billionen Dollar. Dabei geht es unter anderem um Geschäfte über die 2016 wegen der Vorgänge geschlossene Investmentbank-Sparte des Ablegers in Moskau. Für offenbar dubiose russische Kunden – nach Einschätzung von US-Ermittlern Kriminelle und Personen, die Terrorgruppen nahestanden – wurden mit deren Rubel Aktien gekauft, die anschließend an westlichen Börsen gegen Dollar wieder verkauft wurden. Da diese Geschäfte nicht legal waren, musste die Bank bereits 600 Millionen Dollar Strafe zahlen – allerdings nicht wegen mutmaßlicher Geldwäsche.

Die jetzt aufgedeckten Geschäfte sind für die Bank deshalb heikel, weil der heutige Vorstandschef Christian Sewing von 2013 bis 2015 Leiter der Konzernrevision war. Die Bank weist aber Vermutungen zurück, dass Sewing damals von kritischen Berichten gewusst habe.

In einer Stellungnahme spricht die Deutsche Bank von „historischen“ Themen. Man habe die Vorgänge mit den Behörden untersucht und Mängel beseitigt. „Wir haben die Abteilung zum Kampf gegen Geldwäsche von 600 auf über 1500 Mitarbeiter verstärkt.“ An der Börse reagierten Anleger am Montag entsetzt: Bis zum Mittag brach der Kurs der Deutsche Bank-Aktie um mehr als 8 Prozent ein.

Auch die Commerzbank, bei der verdächtige Zahlungen in Höhe von 2 Milliarden Euro entdeckt wurden, betonte, diese Themen seien bekannt. Es gehe um Verdachtsmeldungen, die den Behörden zwischen 2010 und 2016 gemeldet worden seien. Seit 2015 habe man die weltweiten Kontrollen gezielt verstärkt und mehr als 800 Millionen Euro investiert.

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Erstellt:
22. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. September 2020, 06:00 Uhr

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