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Katholikinnen-Protest

Sauer auf die Kirche

Katholikinnen rufen auf zum Streik. Sie begehren auf gegen sexuellen Missbrauch und die Ausgrenzung von Frauen in ihrer Kirche.

09.05.2019

Von Elisabeth Zoll

Ein Bild der Aktion: In dieser Kirche hat Maria nichts zu sagen. Foto: Hubert Gaupp

Der Protest schwappt in einer beispiellosen Welle über Deutschland. Als im Februar katholische Frauen der Münsteraner Heilig-Kreuz-Gemeinde beschlossen, vom 11. bis 18. Mai in einen „Kirchenstreik“ zu treten, konnten sie nicht ahnen, welches Echo sie auslösen würden. Die Frauen hatten genug: von der Vertuschung sexuellen Missbrauchs an Kindern und Ordensfrauen, von den ewigen Vertröstungen und Ausreden, warum Frauen in der katholischen Kirche kein mit Männern gleichgestellter Platz zugestanden wird.

Eine Woche lang soll nun ruhen, was Frauen in der Kirche gerne übertragen wird: Putzarbeiten und Blumenschmuck, Kommunionunterricht und Lektorendienste. Sogar Gottesdienste werden „bestreikt“. Vielerorts wollen Frauen nur vor den Kirchentüren Beten und Singen um zu zeigen, dass sie von Ämtern und damit von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind.

Die Protestaktion „Maria 2.0“ ist ohne Beispiel. Bilder der Gottesmutter Maria mit verklebtem Mund begleiten die Aktion. ,Als „Alarmsignal“ deutet Claudia Schmidt vom Katholischen deutschen Frauenbund (KDFB) der Diözese Rottenburg-Stuttgart den Protest. Der Verband hat Protestgruppen der Diözese seine Homepage als Plattform angeboten. „Wir organisieren nicht, aber wir veröffentlichen die Aktionen auf einer Liste.“ Und diese wächst mit jedem Tag. Es sei „überwältigend“ wie viele Gruppen sich beteiligten – in Biberach, Waiblingen, Marbach, Ulm. Auch in der Diözese Freiburg sind Frauen aktiv. Sie organisieren Info-Stände und Flash-Mobs, laden ein zu Gesprächsabenden und Aktionen auf dem Kirchplatz. Oft werden sie von Männern unterstützt, manchmal auch von Pfarrern.

Rückgrat der Gemeinde

Die Aktiven verstehen sich als „Bewegung von unten“. Wut und Enttäuschung über Reformunfähigkeit treibt sie an. Die Aktionen seien ein Ventil, meint Claudia Schmidt. Die Frauen würden ihre Stimme erheben, statt – wie viele – still und leise aus der Kirche auszutreten. Ihrer Meinung nach wäre es fatal, die Frauen zu überhören. Denn diese sind das Rückgrat der Gemeinde. Fehlen sie, bleiben viele Kirchen leer.

Der Streik richtet sich nicht gegen die Kirchengemeinden vor Ort, sondern gegen die reformbedürftigen Strukturen: die männliche Machtzentrierung, den Ausschluss von Frauen von Weiheämtern. Claudia Schmidt: „Wenn unsere Kirche zukunftsfähig sein will, braucht es die Gleichstellung von Männern und Frauen.“ In allen Ämtern – auch im Priesteramt. „Wir wollen uns nicht mehr auf das Diakonat für Frauen herunterhandeln lassen.“

Dabei fordern auch Kirchenmänner wie der Rottenburger Weihbischof Matthäus Karrer ein Umdenken. Beim Tag der Diakonin im Kloster Reute sagte er: „Einige Bischöfe denken immer noch naturrechtlich und lehnen die Zulassung von Frauen zu den Ämtern ab. Andere argumentieren historisch und akzeptieren ein Diakonat der Frau, sofern es geschichtlich nachweisbar ist.“ Er gehöre zu jenen Bischöfen, die vertreten, dass Theologie sich in der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen und Entwicklungen beweisen müsse. Dazu gehörten auch die 150 Jahre Frauenrechtsbewegung.

Auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode will Veränderungen: „Das Denken innerhalb einer Gruppe verändert sich immer erst, wenn mindestens ein Drittel ,andere‘ dabei sind, wenn also nicht nur Priester oder Männer die Entscheidungen fällen.“ Deshalb sei es richtig, 30 Prozent der kirchlichen Leitungspositionen bis 2023 mit Frauen zu besetzen. Daneben müssten Frauen als Diakoninnen zugelassen werden. „Das wäre auch eine Anerkennung, Wertschätzung und Statusveränderung von Frauen in der Kirche, die heute in sehr großer Zahl karitativ und diakonisch tätig sind.“

Verständnis dafür, dass Frauen an leitender Stelle mitwirken und Verantwortung übernehmen wollen, äußert auch Bischof Gebhard Fürst. „Wo immer möglich, möchte ich es daher unterstützen, dass Frauen in Führungspositionen kommen.“ Er könne sich auch vorstellen, „dass Frauen Diakoninnen werden“. Er selbst habe das früher schon als ,Zeichen der Zeit' bezeichnet. Allerdings fügt er hinzu: „Wenn jemand im Ehrenamt in den Streik geht, sollte er bedenken, dass er damit nicht die Institution trifft.“ Vielmehr entziehe er Menschen, für die die Ehrenamtlichen tätig seien, seine Hilfe.

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Erstellt:
9. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Mai 2019, 06:00 Uhr

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