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Saudi-Arabien spielt mit dem Feuer
Schiitische Frauen protestieren mit Bildern des hingerichteten Geistlichen Nimr al-Nimr in Qatif, einer Stadt nahe der Heimat des Scheichs. Foto: afp
Hinrichtung des populären schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr gibt den Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten neue Nahrung

Saudi-Arabien spielt mit dem Feuer

Wütende Iraner stürmen die saudische Botschaft und stecken Teile des Gebäudes in Brand. Die Hinrichtung eines prominenten Schiiten in Saudi-Arabien sorgt für Aufruhr in der islamischen Welt.

04.01.2016
  • MARTIN GEHLEN

Die Schiiten im Nahen Osten laufen Sturm. In Teheran setzen Demonstranten die saudische Botschaft mit Molotow-Cocktails in Brand. Irans Revolutionsführer Ali Chamenei verflucht öffentlich das Königshaus in Riad und droht ihm die Rache Allahs an. Selbst Iraks besonnener Großayatollah Ali al-Sistani nennt die Bluttat "eine Ungerechtigkeit und Aggression".

Sein Premierminister Haider al-Abadi twittert, die Repression werde nicht obsiegen. Auch in Saudi-Arabien selbst gehen tausende Schiiten auf die Straße und skandieren "Allah ist groß" und "Nieder mit dem Haus Saud".

Mit seiner Entscheidung, direkt zum Jahresauftakt 2016 den prominenten schiitischen Prediger Nimr al-Nimr zusammen mit 46 Terror-Verurteilten hinrichten zu lassen, provoziert Saudi-Arabiens sunnitische Führung ein schweres politisch-religiöses Erdbeben. Sowohl zwischen Sunniten und Schiiten in der Region, als auch im Verhältnis zu den eigenen schiitischen Landsleuten. Die Europäische Union warnte Riad vor "gefährlichen Konsequenzen". Sogar die eng verbündeten USA befürchten die Verschärfung konfessioneller Spannungen in einer Zeit, "wo diese dringend reduziert werden müssten".

Die drei Millionen Schiiten im Osten Saudi-Arabiens, unter deren Siedlungsgebieten praktisch die gesamten Ölschätze des Landes liegen, fühlen sich seit Jahrzehnten diskriminiert und als Bürger zweiter Klasse behandelt. Sie haben keinen Zugang zu hohen politischen Ämtern, wenig gut bezahlte Jobs und kaum Aufstiegschancen. Sie leiden unter viel zu geringen staatlichen Investitionen in Wohnungsbau, Schulen, Universitäten und Wirtschaft.

Seit dem saudischen Krieg im Jemen rufen sunnitische Kleriker zum Heiligen Krieg gegen die schiitischen Huthis im Nachbarland auf. In ihren Hasspredigten bedrohen sie auch die eigene Minderheit und prangern sie an als fünfte Kolonne Teherans.

Für viele saudische Schiiten war der exekutierte Scheich Nimr al-Nimr ein Vorkämpfer für ihre Rechte, der ihnen mit seinen charismatischen Predigten eine Stimme gab. Mehrmals ließ das Königshaus den wortgewaltigen Geistlichen verhafte. Bei seiner letzten Inhaftierung 2012 wurde er angeschossen. Es gab danach tagelange Ausschreitungen in seiner Heimatstadt Awamiyya bei Qatif.

Im Oktober 2014 verurteilte ein Anti-Terrorgerichtshof den 56-Jährigen zum Tode mit anschließender Kreuzigung. Er habe religiöse Konflikte geschürt und "Ungehorsam gegenüber dem Herrscher" gezeigt, hieß es zur Begründung des Scharia-Verdikts.

Das drastische Vorgehen zeigt, wie nervös das neue Führungstrio von König Salman mit Kronprinz Mohammed bin Nayef sowie Verteidigungsminister Mohammed bin Salman, einem Sohn des Monarchen, mittlerweile ist. Der übermächtige Erzrivale Iran wird 2016 durch das Atomabkommen erstmals seit drei Jahrzehnten wieder international hoffähig.

Mindestens 2500 junge Saudis kämpfen in den Reihen der IS-Terrormiliz in Syrien und Irak, deren Führer offen zum Marsch auf Mekka und Medina aufrufen. Eine repräsentative Umfrage auf der Arabischen Halbinsel ermittelte kürzlich, dass fünf Prozent aller Saudis mit dem "Islamischen Staat" sympathisieren, das entspricht einer halben Million Bürger.

Obendrein reißt der Verfall des Ölpreises nun schon zum zweiten Mal ein Rekordloch von nahezu 100 Milliarden Dollar in den Staatshaushalt, das damit bereits ein Viertel der staatlichen Rücklagen verschlingt. Der blutige Konflikt mit den schiitischen Huthis im Jemen entpuppt sich immer mehr als riskante und kostspielige Sackgasse. Denn von Zerfall und Verelendung des Nachbarlandes profitieren vor allem Al Kaida und der "Islamische Staat".

Gleichzeitig wächst im Inneren die Unruhe, der die Monarchie mit einer Politik der eisernen Faust gegen Bürgerrechtler und Blogger Herr zu werden versucht. Innerhalb der Königsfamilie kursieren inzwischen vier offene Briefe, die vor einem Zusammenbruch der eigenen Herrschaft warnen.

Immer mehr Aktivisten müssen wie Nimr al-Nimr vor Anti-Terrorgerichte - ein Signal an alle Kritiker, dass auch sie auf dem Schafott enden könnten. Zu den bekanntesten Fällen gehören der Blogger Raif Badawi sowie sein Anwalt Waleed abu al-Khair. Auf einer Pressekonferenz am Samstag dankten denn auch einige saudische Journalisten den Vertretern des Innenministeriums lautstark für die 47 Exekutionen. Und der saudische Großmufti Abdulaziz al-Sheikh ließ erklären, jede Hinrichtung sei eine Gnade für die Gefangenen, denn sie hindere diese an weiteren Übeltaten.

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04.01.2016, 08:30 Uhr
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