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Berlin · Atomenergie

Sauber – aber teuer

Eigentlich ist der Ausstieg beschlossen. Durch den Klimawandel gibt es Stimmen für längere Laufzeiten. Wie sinnvoll ist die Rückkehr zu einer Technologie, von der sich Deutschland schon verabschiedet hat?

20.01.2020

Von IGOR STEINLE UND THOMAS VEITINGER

Foto: Montage Peters, ©fewerton/Shutterstock.com

Berlin. Da waren es nur noch sechs. Zum Jahreswechsel ist mit Philippsburg 2 eines der letzten Atomkraftwerke vom Netz gegangen. Bis Ende 2022 sollen auch die restlichen abgeschaltet werden. So die Beschlusslage, die 2011 unter dem Eindruck des Atomunglücks von Fukushima entstand. Noch ein Jahr zuvor hatte die Merkel-Regierung den im Jahr 2002 von Rot-Grün schon einmal verabschiedeten Atomausstieg rückabgewickelt.

Nun wird in Deutschland, vor allem in der Union, erneut über Atomkraft gesprochen. Die Wiederbelebung der Kernenergie halte er für denkbar, sagt der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer. „An der Unionsfraktion wird es nicht scheitern“, so ihr wirtschafts- und energiepolitische Sprecher, Joachim Pfeiffer (beide CDU). „Theoretisch könnte Kernenergie helfen, die Umstellungsphase zu überbrücken“, sagt der renommierte Energieforscher Eberhard Umbach. Kernkraft liefert große Mengen Energie, und das fast ohne Emissionen. Gehen die Meiler vom Netz, könnte Deutschland noch größere Probleme mit der Klimabilanz bekommen, als es ohnehin schon hat. Denn gelingt beim Wind- und Solarausbau kein Durchbruch, würde der klimafreundliche Atomstrom nicht durch Ökostrom, sondern durch Gas oder Kohle ersetzt werden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in den Berichten des Weltklimarats IPCC Atomenergie in vielen Szenarien eine Rolle spielt. Ist Kernkraft also doch die Zukunft?

Umbach, der selbst kein Atomgegner ist, winkt ab. „Kernenergie ist in der nächsten Zeit tot in Deutschland“, sagt der ehemalige Präsident des Karlsruher Instituts für Technologie. Hauptgrund: Kernkraft ist schlicht nicht wettbewerbsfähig. „Wir haben extrem hohe Sicherheitsstandards“, sagt Umbach. Seit Fukushima seien die Sicherheitsauflagen für AKW überall in Westeuropa erhöht worden. Angesichts der Risiken der Kernkraft, die in Japan erneut deutlich geworden sind, sei das zwar berechtigt. Der hohe Aufwand mache einen weiteren Betrieb, für den teure Nachrüstungen nötig wären, jedoch unrentabel. Neubauten würden unbezahlbar. Das gelte auch für Kraftwerke der 4. Generation, die momentan erforscht werden und in der Lage wären, Atommüll wiederzuverwenden.

Nirgends werden die hohen Kosten momentan deutlicher als beim britischen Atomneubau Hinkley Point. Die EU-Kommission schätzt die Gesamtausgaben für den Reaktor auf sagenhafte 43 Milliarden Euro. Rentabel für die Betreiberfirmen ist der Meiler nur, weil die britische Regierung ihnen Einspeisevergütungen garantiert, die drei Mal so hoch wie der Marktpreis sind. Ähnlich explodierten die Kosten bei geplanten Projekten im französischen Flamanville und in Finnland. Warum aber wollen dann mehrere Ländern, sogar in Europa, neue Atommeiler bauen? „Neubauten sind künftig nur dort geplant, wo Sicherheitsbedenken keine große Rolle spielen“, sagt Umbach. Das gelte vor allem für Osteuropa.

Für den Wirtschaftswissenschaftler Christian von Hirschhausen ist das Thema Laufzeitverlängerung nicht mehr als eine „Scheindebatte“: „Weder in der Energiewirtschaft noch in der Politik gibt es auch nur eine ernstzunehmende Stimme, die diese Meinung vertritt.“ In einer Studie für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat er kürzlich nachgerechnet, dass selbst wenn Kohlestrom sich im Zuge eines steigenden CO2-Preises verteuern würde, dieser noch immer billiger als Atomstrom sei. „Atomkraft hat sich noch nie gerechnet und wird sich nie rechnen, sie ist schon immer subventioniert worden.“ Auch die Unternehmen winken deswegen bei dem Thema ab. Der Ausstieg sei im Jahr 2011 im politischen und gesellschaftlichen Konsens beschlossen und gesetzlich klar geregelt worden, teilt der Energieversorger ENBW mit. „Die Nutzung der Kernenergie für die Stromproduktion hat sich damit in Deutschland erledigt.“ Aufgrund der „klaren gesetzlichen Sachlage und der planerischen und genehmigungsrechtlichen Weichenstellung“ gebe es keinen Anlass, sich an theoretischen Diskussionen zu beteiligen. Das letzte noch in Betrieb befindliche Kernkraftwerk der ENBW Neckarwestheim II darf bis Ende 2022 Strom produzieren. Die ENBW geht davon aus, „vorzeitig die beantragte Genehmigung für Stilllegung und Abbau zu erhalten“. Dann könnte auch dabei ein „zügiger Start des Rückbaus nach Abschaltung“ erfolgen.

Dass betriebswirtschaftlich und organisatorisch bereits alle Schritte vollzogen sind, verstärkt den Unwillen, an der Atomkraft festzuhalten. Unternehmen könnten und wollten ihre Planung nicht ohne weiteres ändern, selbst wenn sie den Ausstieg nicht begrüßt haben, sagt Nicolas Wendler von Kerntechnik Deutschland. Von Ausnahmen abgesehen, sieht er „keine politische Diskussion“. Das wird sich wohl auch nicht ändern. Ein Großteil der Bevölkerung sei gegen Kernkraft, da mache es keinen Sinn, neue Proteste zu provozieren und eine neue Kampfarena zu eröffnen. „Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, es ohne Kernenergie zu schaffen“, sagt Eberhard Umbach. „Sonst geraten wir in eine Sackgasse.“

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Erstellt:
20. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Januar 2020, 06:00 Uhr

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