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Oper

Satirisches Sittenbild mit viel Spielwitz

David Bösch verlegt „Die lustigen Weiber von Windsor“ an der Berliner Staatsoper schmissig in die 1980er Jahre.

10.10.2019

Von MÜLLER

Berlin. Gerade erst hat Frank Castorf die Premieren-Besucher von Verdis „Macht des Schicksals“ in Angst und tobenden Schrecken versetzt und die Deutsche Oper Berlin zu einem schreienden Tollhaus gemacht. Da kommt schon an der Staatsoper Unter den Linden ein ideales Beruhigungsmittel um die Ecke: Otto Nicolais vermeintlich samtpfötiges Singspiel „Die lustigen Weiber von Windsor“ in einer ebenfalls nur vermeintlich unkritischen Wohlfühl-Inszenierung von David Bösch.

Die mehr listigen als bloß lustigen Weiber wollen laut Untertitel „komisch phantastisch“ sein, sind aber in Wirklichkeit viel mehr: ein satirisches Sittenbild über triebgesteuerte Außenseiter in einer albtraumhaft sich selbst betrügenden und belügenden Gesellschaft. Bösch hat diese 1849 an der Berliner Linden-Oper uraufgeführte „Falstaff“-Variante konsequent und bildkräftig in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts verlegt. Ort der turbulenten Handlung sind zwei wirtschaftswunderliche Vorort-Bungalows. Sir John Falstaff als Ritter von der verfetteten Gestalt wirbelt dieses Spießer-Idyll mit seinem Drang nach übergriffigen Liebesabenteuern gründlich auf.

Daniel Barenboim dirigiert

Die bestens gelaunten Sänger entfalten einen erstaunlichen Spielwitz bis hin in surreale Absurdität. Das hat mit „Hoppelchen und Moppelchen“ in den vom Regisseur schmissig runderneuerten Sprechszenen oft Loriot-Niveau. So liebevoll und zeitgenössisch aufgefrischt funktioniert die in den Orkus der Geschichte verdammte deutsche Spieloper des 19. Jahrhunderts durchaus noch.

Klar, der Chef selber dirigiert. Daniel Barenboim schwelgt mit Saus und Braus schon in der unwiderstehlich melodienseeligen Ouvertüre. Danach kümmert er sich freilich mehr um die fabelhaften Sänger als ums Orchester. So nimmt jede Rolle perfekte Gestalt an. Vorneweg René Pape als grotesk zum Dickwanst ausgepolsterter Obdachloser, der mit altersweiser Melancholie einsam und verlassen am Swimmingpool vor sich hin dämmert und seine traurigen Einsichten über die Fragwürdigkeit verklemmter bürgerlicher Moralbegriffe im Alkohol ertränkt.

Von den drei Frauen besticht die bis voriges Jahr zum Ensemble der Stuttgarter Staatsoper gehörende Mandy Fredrich im Duett mit Michaela Schuster am meisten. Anna Prohaska ist quirlig diejenige, die Pavol Breslig zum leidenschaftlichen Romeo macht. Und noch eine große Stimme: Michael Volle, selbst schon als Verdi-Falstaff berühmt, wird als Herr Fluth zum Inbegriff eines unbändigen Eifersucht-Wüterichs. Christoph Müller

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Erstellt:
10. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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