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Firma der besonderen Art:

Sascha Melnjak kaufte den Zirkus Charles Knie

Sascha Meljnak ist kein Zirkuskind und trotzdem brennt die Leidenschaft in ihm. Der Stuttgarter Kaufmann hat 2006 den Zirkus Charles Knie gekauft und ihn auf wirtschaftlich solide Beine gestellt.

26.09.2011

Von UTE GALLBRONNER

Ulm Sascha Meljnaks wurde 1975 in Stuttgart geboren, machte Abitur, anschließend Zivildienst bei der Arbeiterwohlfahrt und eine Lehre als Groß- und Außenhandelskaufmann im Stadtbezirk Münster. Ein stinknormaler schwäbischer Lebenslauf also. Zumindest oberflächlich gesehen. Denn nebenher hat Meljnak an seinem Traum gearbeitet: "Als ich sechs war, hat mich meine Oma mit zum Zirkus genommen. Von dem Tag an war klar: Das will ich machen."

Natürlich träumte der Junge von Glamour, Glitter und Artistenleben. Daraus ist nichts geworden, das hat Meljnak früh gemerkt. Die Faszination aber ist geblieben. Noch in der Schulzeit kam Meljnak mit Uwe Gehrmann vom Zirkus Giovanni Althoff ins Gespräch. Von da an bestanden Ferien und Urlaub für ihn nur noch aus Zirkus: "Plakate kleben, Futter besorgen, auch mal Ansager, wenn Not am Mann war, später für den Zirkus Romanza die Tourneeplanung und bis 2002 eigentlich alles. Ich war auf mich allein gestellt und habe viel gelernt."

Seit fast 15 Jahren ist der Schwabe ständig auf Reisen, 1999 hat er mit Uwe Gehrmann den Heilbronner Weihnachtszirkus aufgebaut und damit die finanzielle Grundlage für ein weit größeres Projekt geschaffen: 2006 kaufte er den bekannten Zirkus Charles Knie.

Zu dieser Zeit hatte Melnjak beim Zirkus Busch Roland die Tournee-Leitung. "Es war natürlich ein Wagnis. Aber ich bin überzeugt, dass man einen Zirkus seriös führen kann", sagt Meljnak heute im Rückblick. Das finanzielle Wagnis will er nicht genau beziffern. Aber eine "sechsstellige Summe" musste er dem Zirkuseigentümer Charles Knie bezahlen, der seinerseits nach Australien auswanderte: "Wir haben einen Deal gefunden, der für uns beide passte." "Ich will Zirkus so machen, wie ich ihn selbst als Kind erlebt habe. Er muss fröhlich und unterhaltsam sein, nicht künstlich in die Länge gezogen" - wenn Meljnak so spricht, spürt man die Leidenschaft.

Doch Begeisterung ist das eine, Realität das andere. Die Zirkus-Sterben geht weiter. "Busch Roland, beide Althoff, Barum, Sarassani", Meljnak kennt die Großen, die aufgeben mussten. Aus unterschiedlichen Gründen: Verstöße gegen die Tierschutzverordnungen, Streit oder zu wenig Geld. "Einer der größten Feinde des Zirkus ist der Zirkus selbst", sagt Meljnak. 90 Prozent der Betriebe sind Kleinstunternehmen ohne professionelle Struktur. "Natürlich gibt es viel zu viele Negativbeispiele in unserer Branche", sagt der Direktor: "Aber wenn ich zum Metzger gehe und der legt einen Finger auf die Waage, kann ich doch auch nicht alle verurteilen."

Ins Mark getroffen hat Meljnak, dass Hamburg Wildtiere im Zirkus verbieten will. Wenn es um dieses Thema geht, kann sich der 36-Jährige in Rage reden: "Wir werden 40 bis 50 Mal im Jahr kontrolliert. Die Tiere werden untersucht, alles ausgemessen bis auf den letzten Millimeter. Denken Sie, dass das bei irgendeinem Landwirt passiert? Und wie Leute ihre Haustiere halten, das interessiert niemanden."

Insgesamt sei das Geschäft deutlich härter geworden. Die Auflagen nehmen zu, der Papierkrieg ebenso. Zudem steigen die Kosten für die Versicherungen der 100 Angestellten, ferner für Strom oder Abwasser. Umso wichtiger sei die Professionalität im Umfeld. Fünf Leute kümmern sich in dem Unternehmen nur um Verwaltung und Marketing, drei davon reisen mit.

"Einen Landwirt zu finden, der uns Stroh verkauft, ist vor allem in diesem Jahr sehr schwierig", beschreibt Meljnak nur eine der vielen Aufgaben. Und die Zeiten, als Zirkusmist mit Kusshand genommen wurde, sind längst vorbei.

Umso wichtiger ist Meljnaks zweites Standbein, der Heilbronner Weihnachtszirkus. Auch für die Artisten ist das Wintergeschäft finanziell weit attraktiver. Während der Chef in Heilbronn ist und sein Betriebsleiter Joachim Sperlich das Spektakel in Karlsruhe managt, verdienen die Tiere mit Lehrer Marek Jama im Europapark Rust ihr Geld. Im Winterquartier in Papenburg wird so lange geschraubt, geputzt und repariert, damit der Tross im Februar wieder losziehen kann.

Sascha Meljnak zeigt seine Zebras - und gerät beim Gedanken an eine Initiative fast ein bisschen in Rage, dass Wildtiere im Zirkus verboten werden sollen: "Wie Leute ihre Haustiere halten, interessiert niemanden." Foto: Zirkus Charles Knie

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Erstellt:
26. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. September 2011, 12:00 Uhr

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