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Vögel

Sanfter Einsatz gegen Taubenplage

Kot auf Autos, verstopfte Rohre: Die Ikea-Filiale Ludwigsburg hat ein Problem mit lästigen Gästen. Das sollen nun Tierschützer lösen. Der erste Eindruck ist vielversprechend.

18.01.2020

Von CHRISTIAN KERN

Mit Mütze und Lampe: Tierschützerin Lisa Kainz versucht das Taubenproblem im Parkhaus auf sanfte Weise zu beenden. Foto: Christian Kern

Ludwigsburg. Nach links, nach rechts – und wieder nach links. Mit stoischer Ruhe dreht sich die Taube im Kreis. Immer wieder. Anne Pieplow, Lisa Kainz und Jonas Schoof schauen ihr verdutzt zu. Sie wissen auch nicht, was die Taube bezwecken will. Vermutlich weiß sie es auch nicht so genau.

Vermutlich wäre das skurrile Schauspiel unentdeckt geblieben, gebe es die drei Taubenschützer nicht. Denn das Ikea-Parkhaus in Ludwigsburg wirkt an diesem Januartag wie ausgestorben. Keine Menschen, keine Autos. Kein Wunder: Schließlich ist Sonntag, die Temperatur bei einem Grad. Pieplow, Kainz und Schoof sind trotzdem da. Wegen den Tauben und wegen Ikea. Der schwedische Möbelkonzern hat ein Problem, präzieser: ein unschönes Problem. Tauben haben sich im Parkhaus eingenistet. Rund 80 sollen es zu Hochzeiten gewesen sein, sagt Pieplow. Die Folgen: verdreckte Wege, Kot auf Autos, verstopfte Rohre, verärgerte Kunden.

Deswegen stehen Pieplow und ihre Mitstreiter in der Kälte. Mit einem Rollgerüst, das ihnen Ikea überlassen hat, suchen sie Kabelkanäle ab, entfernen Nester, tauschen Eier gegen Kunstoffattrappen aus. Sie wollen verhindern, dass sich die Tauben unkontrolliert vermehren. Irgendwann sollen die Vögel komplett aus dem Parkhaus raus. Aber: „Auf die tierfreundlichste Art und Weise“, sagt Kainz. Statt die Tauben zu töten, sollen sie auf eine nahegelegene Grünfläche umgesiedelt werden. Ikea überlegt, die Tauben dort zu betreuen. „Wir sind prinzipiell offen für ein Taubenhotel“, sagt Jenny Ärlemalm von Ikea Ludwigsburg.

Der Ludwigsburger Tierschutzverein unterstützt die Aktion. Seit Ende Oktober kümmern sich 20 Vogelliebhaber ehrenamtlich um die Tiere. Sonntag für Sonntag. Mindestens zwei Stunden lang. „Wir haben eine Facebook-Gruppe, in der wir uns koordinieren“, sagt Kainz. Der Aufwand lohne sich: „Mittlerweile gibt es nur noch wenige Nester, die bewohnt sind“, sagt Pieplow.

Auch der Möbel-Gigant ist zufrieden. Mehr als die Hälfte der Tauben sei seit Ende Oktober aus dem Parkhaus ausgeflogen. „Wir haben das Problem schon seit zehn Jahren und schon viel probiert. Mit dem Projekt sind wir sehr glücklich“, sagt Ärlemalm.

Betreuung statt Vertreibung – so will das Möbelhaus in Ludwigsburg das Problem lösen. Das ist in der Region nicht unbedingt Standard: Viele Einzelhändler gehen rabiater vor. Netze, Spikes, Pasten – die Liste der Taubenbekämpfungsmittel ist lang. In der vorigen Woche erstattete die Tierrechtsorganisation Peta Anzeige gegen das Stuttgarter Einkaufszentrum Milaneo, weil eine Taube in einem Netz im Parkhaus gestorben war (wir berichteten).

Dabei seien Abwehrversuche sowieso sinnlos. Mehr noch: Sie würden die Situation nur weiter verschlimmern, sagt Pieplow. „Tauben sind standorttreu und die Nähe von Menschen gewöhnt. Wenn sie von einem Ort vertrieben werden, lassen sie sich in unmittelbarer Nähe nieder.“ Dann müsse sich der Nachbar mit den Vögeln herumplagen.

Wie könnte man das Problem effektiver lösen? Pieplows Antwort: Taubenschläge. Also Orte, an denen Tauben gezielt gefüttert, betreut und ihre Eier ausgetauscht werden. Mindestens zwei betreute Taubenschläge sollen in Ludwigsburg entstehen, fordert Pieplow. Am besten dort, wo es den Tauben besonders gut gefällt. Etwa am Arsenalplatz oder am Hauptbahnhof.

Die Stadt Ludwigsburg hält von Pieplows Plänen wenig. „Die Stadt hat sich eingehend mit der Thematik befasst – mit dem Ergebnis, dass die Errichtung von Taubenschlägen keine geeignete Lösung ist“, sagt eine Sprecherin auf Nachfrage. Vor einigen Jahren habe es Taubenschläge gegeben, doch die hätten sich nicht bewährt.

Die Taubenschützer fühlen sich hingegen im Stich gelassen. „Wir reißen uns hier – salopp gesagt – den Arsch auf und die Stadt macht überhaupt nichts“, sagt Kainz. Sie erhoffen sich von dem Ikea-Projekt eine Signalwirkung. „Wir wollen das Problem bei der Wurzel anpacken“, sagt Pieplow.

Bis Ende August hat es Ikea ihnen erlaubt, sich um die Parkhaus-Tauben zu kümmern. Wie es danach weitergeht, ist noch nicht klar. Der Möbelkonzern ziert sich noch, das Projekt zu verlängern. Ärlemalm macht aber vielseitige Andeutungen: „Wir sind für eine Verlängerung aufgeschlossen. Momentan spricht nichts dagegen.“

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Erstellt:
18. Januar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Januar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2020, 06:00 Uhr

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