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Theater ist Seelenstriptease

Salzburger Festspiele: Über die Ära Flimm und Sunnyi Melles als Phädra

Sie tobt und schluchzt und leidet wie ein Tier. Sunnyi Melles als liebestolle Phädra - mit dieser knalligen Seelentragödie geht die Ära Flimm in Salzburg nun zu Ende. Was bleibt? Eine durchwachsene Bilanz.

20.08.2010
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Salzburg Die Stadt und ihr Prominenten-Stadel. "A geh, so ein schönes Paar", pflegt der Festspielhaus-Oberfotograf einschwebende VIPs anzusülzen - und alle lassen sich ablichten. Wer Künstler-Prominenz bevorzugt, sollte ins "Triangel" gehen. Da gibt es "Anna Netrebko" zu essen (gemeint ist ein Rucola-Salat) - oder "Christian Stückl" (Bio-Rindergulasch). Man sieht auch was: Schauspieler (Ben Becker, laut und im Trachten-Look), Regisseure (Claus Guth) und den Intendanten (Jürgen Flimm in roten Schuhen).

Auch die letzte Festspielpremiere der Ära Flimm, Jean Racines "Phädra", ist hochkarätig besetzt - mit Wiener Burgschauspielern erster Güte und mit Sunnyi Melles in der Titelrolle (die einst im "Jedermann" die Buhlschaft und den Glauben spielte - aber so, dass dies gleich "für mehrere Kirchenaustritte" gereicht hätte, wie die Kritik befand). Regie führt Burg-Direktor Matthias Hartmann höchstpersönlich.

Was kommt heraus? Drei Tote und knapp 105 Minuten exquisites Sprechtheater auf gähnend leerer Bühne. Fesselnd. Denn diese Phädra wird von verbotenen Lüsten geplagt: Sie liebt ihren Stiefsohn Hippolytos - und zwar rettungslos. Sunnyi Melles ist Phädra, und zwar, man muss es so sagen, mit Leib und Seele. Hin und her gerissen zwischen rasender Liebe und tiefster Scham: Sie brüllt, tobt, schluchzt und wimmert, ringt um Atem und kriecht wie ein Tier auf allen Vieren. Faszinierend. Doch ab und zu ein Register weniger wäre mehr gewesen. Neben ihr wirkt Philipp Hauß Hippolytos wie ein zerzauster Pennäler: Er liebt eine andere und findet Phädras überfallartige Erotikattacken nur peinlich. Das ganze Ensemble - Sylvie Rohrer, Paulus Manker, Therese Affolter und Hans-Michael Rehberg: erstklassig.

Die Regie? Matthias Hartmann gibt dem gedrechselten Racine-Text einen zeitlos modernen Touch. So kommt ein Psychogramm zustande, das die porzellanbleiche Melles oft als melodramatische One-Woman-Show nutzt. Ja, die Liebe ist eine unheilbare Krankheit. Und Theater ist bei Melles ein wilder Seelenstriptease - mit zeitweiligem Meeresrauschen aus dem Off.

Was bleibt von der Ära Jürgen Flimm? Der scheidende Intendant, sonst stets die rheinische Frohnatur, kann manchmal richtig böse sein. Dann gibt er gereizte, patzige Antworten. Kein Wunder, denn sein vorzeitiger Ausstieg in Richtung Staatsoper Berlin - der Salzburger Vertrag lief bis 2011 - ist ihm übel genommen worden. Und dann noch Flimms Krach mit Schauspielchef Thomas Oberender. Vom Veruntreuungs-Skandal der Osterfestspiele ganz zu schweigen, aber dafür kann Flimm nun wirklich nichts.

Für das Profil der Sommerfestspiele in seiner Amtszeit seit 2007 kann er aber sehr wohl etwas. Und Hand aufs Herz, es war durchwachsen. Nach Gerard Mortier, dem umtriebigen Doktor aus Belgien, der nach der Ära Karajan viel Neuerungseifer mitbrachte, und nach Peter Ruzicka, dem diskreten Hanseaten, der mit den Programmsäulen Mozart und Strauss überzeugte (und Netrebko engagierte), gilt Jürgen Flimm als Intendant der Beliebigkeit. Er bot den vollen Festival-Wanderzirkus - von Rattle bis Mutter, Gergiev bis Depardieu.Kein Wunder, dass nun Salzburger Ex-Granden wie Mortier und Martin Kusej Flimm-Bashing betreiben: Von "Langeweile" und "ästhetischem Nichts" ist da die Rede. Das aber stimmt so nicht. Denn Flimm lieferte mit Oper-Schauspiel-Kreuzungen - etwa "Judith" nach Vivaldi - auch Gewagtes ab. Zudem brachte er - gegen Widerstände des Kuratoriums - zwei Moderne-Opern auf den Weg: Nonos "Al gran sole" und jetzt die Uraufführung von Wolfgang Rihms Nietzsche-Oper "Dionysos".

Auch das Publikum hat sich verändert. Das Schickimicki-Klischee trifft nur noch bedingt zu - statt dessen herrscht Vielfalt. "Du hast während der Festspiele", sagt der Salzburger Bühnenbildner und Hochpreis-Künstler Daniel Richter, "eine irre Vermengung aus Elitenschwachsinn und total sympathischem Bildungsbürgertum; längst abgerissen geglaubte Traditionslinien des Humanismus treffen auf das Laute und das Vulgäre und den Starkult." Recht hat er.

Was kommt? Der hochgelobte Konzertchef Markus Hinterhäuser springt 2011 als Interim-Kandidat ein - er wird die längst festgezurrte Saisonplanung Flimms verwirklichen. Ab 2012 übernimmt dann der Zürcher Intendant Alexander Pereira - und der steht eher im Verdacht, vollends Hochglanz-Kultur für Elitekreise zu machen. So gesehen, war Jürgen Flimm ein Übergangs-Intendant, dem vielleicht manche bald nachweinen werden. Das Buch über die Flimm-Ära ist schon fertig - Titel: "Das Salzburger Kapitel". Zu seinem Abschied befragt, gibt sich der 69-jährige Flimm versöhnlich. Bitterkeit? Nein. Traurig? Schon. "Ein wenig", sagt er.

Salzburger Festspiele: Über die Ära Flimm und Sunnyi Melles als Phädra
Sunnyi Melles in der Titelrolle und Paulus Manker als Theseus in der Salzburger "Phädra"-Inszenierung Matthias Hartmanns. Foto: dpa

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20.08.2010, 12:00 Uhr
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