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Berlin

"Salome" als schwülstiges Psycho-Stück

Noch immer wirkt die "Salome" von Richard Strauss unheimlich radikal. Da will der Regisseur Claus Guth an der Deutschen Oper Berlin nicht zurückstehen.

05.02.2016
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Diese 100-Minuten-Oper hat s in sich. Die Musik, ein einziger Rausch zwischen Impressionistischem im Einzelnen und brutalem Überwältigungs-Vollsound im Ganzen. So frisch und prickelnd wie am ersten Tag, dem 9. Dezember 1905. Aber die Handlung von Richard Strauss "Salome"! Die Titelheldin, eine mordlüstern im Liebeswahn rasende Femme fatale, muss sich bei ihrem orgiastischen Tanz vor ihrem Stiefvater aller sieben Schleier entledigen. Und dann noch auf der Suche nach dem Geheimnis der Liebe, das größer sei als das des Todes, einem blutig enthaupteten Gotteskünder die Lippen küssen. "Allein, was tut s? Was tut s?" So reflektiert und relativiert sie selbst gelassen ihr absonderliches Gebaren.

Claus Guth, unter den Jüngeren neben Stefan Herheim, Philipp Stölzel und Jossi Wieler derzeit der gefragteste Opernregisseur hierzulande, bohrt bei seiner von einem Buh-Sturm hinweggefegten Inszenierung an der stets risikofreudigen Deutschen Oper Berlin tief in der kaputten Seele der zu zuckelnden Robotern erstarrten biblischen Gestalten. Guth macht nicht wie einst an der Berliner Staatsoper Harry Kupfer ein politisches Hochsicherheitstrakt-Drama daraus und kommt auch nicht auf die Idee mit Flüchtlingen, wie es jüngst in Stuttgart der Fall war. Bei ihm spielt das gänzlich entorientalisierte, so schwülstig wie schwüle Psycho-Stück in einem 50er-Jahre-Kontor. Und alle gehören sie zur Familie des Herodes, der ein offenbar gut gehendes Anzugs-Geschäft betreibt ("Maßanfertigung" prangt an der Holzwand).

Catherine Naglestad, die schon vor Jahrzehnten in Stuttgart erste Triumphe feierte, ist Salome. Gleich siebenfach, der Zahl der natürlich nicht vorhandenen Schleier entsprechend. Denn wie die Orgelpfeifen reihen sich sechs heranwachsende Mädelchen aneinander, alle eine Phase in der Erziehung durch ihren übergriffig gewordenen Kinderschänder-Vater vertretend. Auch Jochanaan und Herodes erscheinen doppelt und, damit s vollends unentwirrbar kompliziert wird, im zum Verwechseln ähnlichen Outfit. Salome liefert sich vom Familien-Esstisch aus einen Machtkampf mit dem ganz normal bieder-bürgerlich wirkenden Vater. Sie gewinnt, denn keiner der meist bloß als Puppen fungierenden Firmenangestellten folgt am Schluss der Aufforderung des Herodes "Man töte dieses Weib!", sodass Salome hurtigen Schritts therapiert die Treppe rauf entfleuchen kann.

Alles surreal symbolisch und in düsterem Zwielicht. Gesungen aber wird top-real hervorragend von Catherine Naglestad als aufbegehrendem feministischen Opfer von Michael Volles Jochanaan und Burkhard Ulrichs Herodes. Das wie oft an diesem Haus viel zu laut auftrumpfende Orchester unter Alain Altinoglu deckelt freilich auch die noch so schönen Stimmen gnadenlos zu.

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05.02.2016, 08:30 Uhr
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