Polen

SWP-Leitartikel: Die Wut der Frauen

Falls die rechtskonservative PiS-Regierung in Polen tatsächlich dachte, sie könne die zweite Corona-Welle nutzen, um ein von ihr langgehegtes Ziel durchzusetzen, dann hat sie sich gründlich verrechnet.

29.10.2020

Von DIETRICH SCHRÖDER

Die Wut über das Urteil des Verfassungsgerichts, mit dem Frauen zu Mörderinnen erklärt werden, die eine Schwangerschaft abbrechen wollen, weil der Fötus körperliche oder geistige Schäden hat, ist riesig. Man fühle sich wie in einem Land, das ins Mittelalter zurückgeworfen werden soll, empfinden viele.

Die Proteste bei den katholischen Gottesdiensten am Wochenende – über deren Aggressivität man durchaus geteilter Meinung sein darf – sowie die große Beteiligung an den Frauenstreiks am Mittwoch verdeutlichen jedoch, dass es inzwischen bereits um mehr geht als nur um dieses umstrittene Gerichtsurteil.

Die Organisation „Allpolnischer Frauenstreik“, die sich in Windeseile gebildet hat, fordert mittlerweile auch den Rücktritt der PiS-Regierung sowie des Verfassungsgerichts und des Obersten Gerichtshofs, weil diese mehrheitlich mit regierungsfreundlichen Richtern besetzt wurden. Es soll keine staatliche Finanzierung der Kirche mehr geben, sondern legale Abtreibungen, Sexualkunde und Verhütungsmittel für alle, sowie tatsächliche Unterstützung für Menschen mit Behinderungen statt nur moralischer Worte.

Die streikenden Frauen haben auch einen Konsultationsrat ins Leben gerufen und orientieren sich damit ganz bewusst an den derzeitigen Protesten im benachbarten Weißrussland. Ihre Forderungen und der Mut, mit dem sie diese vertreten, stößt bei vielen Polen auf Anerkennung und Unterstützung. Wie bereits bei der Präsidentenwahl im Frühjahr zeigt sich, dass das Land in zwei große Lager von Anhängern und Gegnern der Regierungspartei gespalten ist, deren Vorstellungen über die Verhältnisse, in denen sie leben wollen, unterschiedlicher kaum sein könnten.

Es ist deshalb kein Wunder, dass der PiS-Vorsitzende Jaros?aw Kaczynski in einem dramatischen Appell zur Verteidigung der aus seiner Sicht polnischen Werte aufgerufen hat. Doch dieser Aufruf hat den Riss innerhalb der Gesellschaft nur noch verstärkt und birgt sogar die Gefahr eines Bürgerkriegs. Das zeigte sich an den vergangenen Abenden, als Fußball-Hooligans und extrem rechte Kräfte die Gotteshäuser umringten, um die Protestierenden mit Gewalt abzuwehren.

Die jungen Menschen, von denen die jetzigen Proteste ausgehen, fühlen sich jedoch nicht mehr dem katholischen Charakter ihres Landes verpflichtet, mit dem sich Polen laut Kaczynski gegenüber dem Westen vor dem Verfall seiner Werte schützen muss. Die Mehrzahl dieser jungen Polen ist längst ein Teil der liberalen westlichen Kultur, was sich beispielsweise auch im Kampf um die Gleichberechtigung von Homo- und Transsexuellen zeigt. Sie rufen jetzt, dass ihr „Hintern nicht dem Bischof gehört“ und Politiker kein Recht haben, ihnen zwischen die Beine zu gucken. Mit einem Staat, der im 19. statt im 21. Jahrhundert lebt, werden sie sich nicht zufrieden geben.

leitartikel@swp.de

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Erstellt:
29. Oktober 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Oktober 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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