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"Sonst gibt es eine Lawine"

SVP-Chef Christoph Blocher schürt in der Schweiz Ängste vor Flüchtlingen - und die Umfragewerte steigen

Die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei schlachtet im Wahlkampf die Flüchtlingskrise gnadenlos aus. Nur: Die meisten Migranten machen um Helvetien einen Bogen.

14.10.2015
  • JAN DIRK HERBERMANN

Schwere Wolken ziehen über das Oberwallis. Die Spitzen der Alpen verstecken sich. Hier, rund um Brig, verengt sich das langgezogene Tal immer stärker. Der weitläufige Bahnhofsvorplatz der Stadt am Fuß des Simplon-Passes ist blitzsauber. Einige Männer eilen laut redend vorüber, sie verständigen sich im harten Dialekt der Region: "Ich gehe jetzt zum Blocher", sagt einer. An diesem kühlen Abend macht Christoph Blocher, Anführer der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), Wahlkampf-Stopp in Brig. Blocher (74) will es noch einmal wissen: Seine Volkspartei, ohnehin stärkste politische Kraft Helvetiens, soll ihre Position weiter ausbauen.

Die meisten Demoskopen ermutigen Blocher: Am Wahltag für das Parlament der Schweiz, am kommenden Sonntag , werde die SVP zulegen. Beim letzten Urnengang 2011 erzielte die Partei keine 27 Prozent für die größte Kammer des Parlaments, den Nationalrat. Jetzt liegt sie in Umfragen schon bei rund 28 Prozent. Eine größere SVP könnte in der neuen Schweizer Regierung ihre europafeindliche Politik noch lauter einfordern.

In ihrer Kampagne 2015 setzen die Nationalkonservativen konsequent auf das europäische Megathema: die Flüchtlingskrise. Wie keine andere Partei Helvetiens schlachtet die SVP das Chaos rund um die größten Migrationswellen seit Ende des Zweite Weltkriegs aus. Die Parteiführer warnen vor der "maßlosen Zuwanderung", vor der "Überfremdung", die zu "Gewalt und Kriminalität" im Alltag führt. Im ganzen Land prangen Plakate und Anzeigen: Die "SVP ist die einzige Partei, die garantiert, dass die Zuwanderung begrenzt wird, dass die Missbräuche im Asylwesen beseitigt werden und dass kriminelle Ausländer ausgeschafft werden."

Genau diese Parolen, genau diese forschen Sprüche will Blocher auch in Brig zum Besten geben. Hunderte SVP-Anhänger drängen sich in der nüchternen Simplon-Halle. Vor der Bühne stimmt eine Folklore-Band das Publikum mit heimatlichen Weisen ein.

Lokale SVP-Granden treten ans Mikrophon, umschmeicheln Blocher mit deftigen Komplimenten. Ohne ihn, Blocher, den "Teufelsbraten", hätte die Linke die Schweiz schon längst an die EU ausgeliefert, sagt Oskar Freysinger, ein landesweit bekannter SVPler. Jubel.

Dann schlurft ein weißhaariger Mann mit ausgebeultem, grauem Anzug auf die Bühne. Stille. Christoph Blocher ist da. Die Walliser recken die Hälse, sie wollen Blocher sehen - und sie wollen seine Abrechnung mit dem "Asylchaos" hören.

Zuerst höhnt der Milliardär aus Zürich über die Bundeskanzlerin aus Berlin, "die Frau Merkel". Genüsslich zitiert er Angela Merkels Spruch zur Flüchtlingskrise: "Wir schaffen das." Natürlich schaffen es die "Dütschen" nicht, schnarrt Blocher. Die Männer und Frauen aus dem Oberwallis grummeln, nicken.

Blocher lobt die Asyl-Politik der Ungarn. Premier Viktor Orbán sei der einzige, der das europäische Dublin-Asylabkommen "ernst nimmt". Wieder Zustimmung aus dem Publikum. Blocher geht auf der Bühne auf und ab. Er stopft die Hände in die Taschen, kramt darin herum, schwadroniert über "Schwarze" auf dem Mailänder Hauptbahnhof, den "Nebenverdienst Drogenhandel" für Nigerianer. Dann nimmt er sich die "Wirtschaftsflüchtlinge" vor. Er brüllt. Von denen gibt es zu viele in der Schweiz. "Die können nicht dableiben", sagt der Ex-Chemie-Unternehmer, "da wollen wir ganz konsequent sein. Sonst gibt es eine Lawine." Blocher starrt ins Publikum. Der Zorn auf die Fremden, die Abneigung gegen die Anderen, sie verbinden Redner und Zuhörer.

Dabei kommen - verglichen mit Deutschland oder Österreich - kaum Flüchtlinge in die Schweiz. "Insgesamt rechnen wir mit rund 30 000 Asylbewerbern im Jahr 2015 für die Schweiz", sagt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga von den Sozialdemokraten.

Warum machen die Flüchtlinge einen Bogen um Helvetien? Aus Bern heißt es: Die Schweiz liegt nicht an den großen Flüchtlingsrouten. Und Deutschland habe eine Sogwirkung entfaltet, weshalb Helvetien weitgehend verschont bleibe. Diejenigen, die in die Eidgenossenschaft kommen, bereiten dem reichen Land keine ernsthaften Probleme - bisher. Flüchtlinge kommen in ehemaligen Ferienheimen oder in alten Kasernen unter.

Glaubt man Christoph Blocher aber, dann überrennen die Fremden schon die Schweiz. "Blocher hat doch recht", sagt ein knorrig wirkender Mann nach dem Auftritt des SVP-Anführers in der Simplon-Halle zu Brig. "Die vielen Flüchtlinge kommen und wollen dann in unserem schönen Land bleiben. So ist das doch, oder?" Dann greift der Bergbauer wieder zu seinem Glas Rotwein und beißt in eine Wurst.

SVP-Chef Christoph Blocher schürt in der Schweiz Ängste vor Flüchtlingen - und die Umfragewerte
SVP-Chef Christoph Blocher hat Grund zum Strahlen: Seine Partei wird in der Schweiz immer beliebter. Foto: afp

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14.10.2015, 12:00 Uhr
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