Kommentar

S 21 und das Nadelöhr bei Wendlingen

Um Stuttgart 21 ist es ruhiger geworden. In den Medien. Und, obschon weiter demonstriert wird, auch auf der Straße. Letzteres mag am Winter liegen – bei Schnee und Frost demonstriert es sich nicht so gut wie im Sommer.

10.03.2011

Schließlich dürfte Heiner Geißlers Schlichterspruch vom 30. November dem Protest Wind aus den Segeln genommen haben: Geißler nahm etliche der Kritiker-Forderungen auf – auch die nach einer „zweigleisigen und kreuzungsfrei angebundenen Wendlinger Kurve“.

Diese Forderung ist beinahe so alt wie das Projekt Stuttgart 21. Seit Mitte der 1990er Jahre fürchten Oberbürgermeister und Landräte in der Region Neckar-Alb den Verkehrsschatten, wenn das eingleisig geplante Nadelöhr bei Wendlingen nicht ausgebaut wird. Denn die Neckartalbahn kommt bis Wendlingen zweigleisig daher und soll in der Kurve (also der Einfädelung in die ICE-Trasse) auf ein Gleis reduziert werden.

So hieß es im Juni 1996 beim ersten offiziellen Treffen der Regionalverbände Stuttgart und Neckar-Alb: „In gut 30 Minuten von Tübingen in die Mitte der Landeshauptstadt – das lässt sich nur mit einer zweigleisigen Anbindung der Neckartalbahn bei Wendlingen realisieren.“ Seitdem sind 15 Jahre vergangen. Die Fahrzeiten Tübingen-Stuttgart liegen mittlerweile bei 44 Minuten – und die Kurve bei Wendlingen ist amtlich „planfestgestellt“: eingleisig und ebenerdig.

Was wie ein Possenspiel klingt, könnte für die Region Neckar-Alb zum Verkehrs-Gau werden: Die eingleisige Einfädelung in die Hochgeschwindigkeitsstrecke, das sei „wie eine Autobahnauffahrt, bei der man die Gegenspur kreuzen muss“, ätzt der Tübinger Verkehrsexperte Gerd Hickmann. Sein Parteifreund Boris Palmer, Tübinger OB und exponierter S-21-Kritiker, hat noch ein anderes Bild parat: „Wo baut man eine Autobahnauffahrt mit Ampeln?“

Denn das dürfte passieren: Regionalzüge von und nach Tübingen müssten künftig nicht nur bei Gegenverkehr vor der eingleisigen Kurve warten, auch auf der ICE-Trasse haben schnelle Züge stets Vorrang. Das bisherige Konzept für Stuttgart 21 und auch für die Wendlinger Kurve funktioniert nur theoretisch – wenn alle Züge pünktlich sind. Schon bei kleinen Verspätungen etwa eines ICEs aus Mannheim, das zeigt eine Simulation der S-21-Kritiker sehr anschaulich, kommt es im nachrangigen Regionalverkehr zu „sich aufschaukelnden Verspätungen“, so Palmer.

Höchste Zeit, möchte man meinen, dass nicht nur die Kritiker, sondern auch die hiesigen Fans des Milliardenprojekts Alarm schlagen – und vom Land den Ausbau des Nadelöhrs einfordern. Doch da ist nicht viel zu hören. Einzig die SPD-Landtagsabgeordnete (und bekennende S-21-Befürworterin) Rita Haller Haid hat bei Ministerin Gönner nachgebohrt.

Und die hiesige Wirtschaft, die doch so sehr für Stuttgart 21 ist? Lässt allenfalls auf Nachfrage verlauten, dass der zweigleisige Ausbau kommen muss. Doch eben den, wie auch die anderen teuren Nachbesserungen, will die Landesregierung ganz offensichtlich nicht – „Stresstest“ hin oder her. Wie sagte doch CDU-Fraktionschef Peter Hauk Ende Januar vor Mittelständlern in Reutlingen? Intern sei stets klar gewesen: „Egal was der Schlichterspruch bringt, Stuttgart 21 wird gebaut.“

Volker Rekittke

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Erstellt:
10. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. März 2011, 12:00 Uhr

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