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Sportredakteurin Manuela Harant jagt im Siebensitzer-Bob durch den WM-Eiskanal von Igls

Ruppig und rau

Wo von morgen an die Bob- und Skeletonfahrer hinunterrasen, hat eine Gruppe Wagemutiger ein Experiment bestritten: Mit sieben statt wie üblich vier Personen ohne Sturz durch den Eiskanal manövrieren.

11.02.2016

Von MANUELA HARANT

Experiment gelungen: Nissan hat zu Werbezwecken den ersten Siebensitzer-Bob der Welt bauen lassen. Das Ungetüm auf Kufen beschleunigt auf mehr als 105 km/h.

Innsbruck/Igls. Mit sorgenvoller Miene blickt Ian Richardson in den dunklen Himmel über Igls. Seit Stunden rieseln dicke Schneeflocken in den Eiskanal. "So wird der Bob das Ziel nicht erreichen, wir brauchen schnellere Kufen", meint der Projektleiter des ersten Siebensitzers der Welt, der heute mit der Sportredakteurin dieser Zeitung die WM-Bobbahn hinunterjagen soll. Seit den ersten Tests im November war er nicht mehr so nervös wie heute, gesteht der Engländer, schließlich ist es ein Experiment nah an den Grenzen der Physik, die der Autohersteller Nissan für Werbezwecke in Auftrag gegeben hat.

Es geht darum, zu demonstrieren, dass nicht nur sieben Zwerge, sondern auch ein Septett gestandener Männer und einer Frau im Eiskanal die Kurve kriegt. Doch noch stehen den Verantwortlichen um den britischen Bob-Profi Sean Olsson die Schweißperlen auf der Stirn, denn durch den starken Schneefall besteht die Gefahr, dass der Schlitten für Kreisel, Labyrinth und Co. zu langsam wird. Allerdings sollte auch die Maximalgeschwindigkeit von 105 km/h nicht überschritten werden, sonst bringen die Fliehkräfte den knapp 900 kg schweren Siebensitzer zum Kippen. Oder der Bremser schafft es nicht mehr rechtzeitig, das Schwergewicht am Ende der Bahn zum Stehen zu bringen.

"Das Ding verhält sich gegenüber einem Vierer-Bob wie ein Sattelzug gegenüber einem normalen Auto", erklärt der 49-jährige Olsson, der den Rekord-Schlitten steuern wird. Kurz vor dem Start entscheidet sich das Team dafür, doch noch die Kufen auszutauschen, um den Bob so schnell wie möglich zu machen. So sei zumindest ausgeschlossen, dass Olsson mit den Anfängern auf der Bremsstrecke "verhungert" und der Schlitten unkontrolliert zurückrauscht. "Das wäre noch gefährlicher als ein normaler Sturz", meint Richardson.

Das sind ja tolle Voraussetzungen für die erste Bobfahrt des Lebens, denkt sich die Sportjournalistin, die zwar eigentlich für jeden Geschwindigkeitsrausch zu haben ist. Beim Blick in den Bob bekommt aber dann doch fast jeder ein mulmiges Gefühl: Bis auf einen einfachen Motorradhelm und der Fiberglaswand des Schlittens gibt es keinen Schutz, der die Knautschzone zwischen dem steinharten Eis und dem Journalistenkörper irgendwie vergrößern könnte. Einziger Tipp von Ian Richardson, der selbst "noch keine Zeit" hatte, im Siebensitzer mitzufahren: "Wenn der Schlitten kippt, macht euch klein - und wartet. Im Gegensatz zu einem Autounfall dauert ein Bob-Crash sehr lange."

Aber Zeit, das stellt sich schnell heraus, ist im Bob relativ. Schon gleich nach dem Einsteigen fühlt man sich wie in einem Fass auf Kufen und die Sekunden bis zum Start laufen in Zeitlupentempo ab. Jetzt schnellen blitzartig viele Fragen ins Gehirn, die man sich eigentlich schon viel früher hätte stellen sollen: Wer ist das eigentlich, der da vor mir den Rennschlitten lenkt? Hält das Material die extremen Kräfte bis zum viereinhalbfachen des Eigengewichts aus?"

Zu spät, Richardson hat schon angeschoben und wie bei der Wildwasserbahn kippt der Bob nun die Rampe am "Damenstart" nach unten. Mit einem Unterschied: Während sonst kurz darauf das Wasser bremst, wird der Rennschlitten im kilometerlangen Eiskanal immer schneller. Die Halteseile schneiden sich tief in die Handflächen, da kommen schon die ersten Kurven.

Das Tückische: Nur der Fahrer sieht sie, die Passagiere können nur reagieren, doch das ist zwecklos. Denn 105 Sachen fühlen sich, in einer Holzkiste zwischen Männerbeinen eingepfercht keineswegs geschmeidig an, sondern nur ruppig und rau. Die Schultern knallen gegen die Seitenwände des Schlittens und der Kopf kommt der Holzverschalung des Eiskanals immer wieder gefährlich nahe. Am Kurvenausgang dominiert stets das Gefühl, gleich mit dem hinteren Ende des Schlittens an die Seitenwand zu knallen. Schließlich gab es das schon x-mal im Fernsehen zu sehen, mit teils blutigen Folgen.

Als es dann in den Kreisel geht, einer von 14 Kurven, die in den nächsten Tagen auch die Piloten bei der Bob-WM schneiden, taucht plötzlich ein völlig neues Gefühl auf: Der Körper wird mit 4,5 G auf den Holzboden des Bobs gepresst, was nicht nur die Gesichtszüge, sondern auch so manches Organ entgleisen lässt. Der Kreisel-Ausgang verpasst den Mitfahrern dann prompt das gegenteilige Gefühl der Schwerelosigkeit, ehe das große Finale im "Labyrinth" ansteht.

Wer hier nicht selbst durchgefahren ist, kann nicht wissen, warum diese schnelle Kombination aus vier Kurven ihren Namen verdient hat: Orientierung wird jetzt zum Fremdwort, radikal schlägt es den Bob samt Innenleben nach links und rechts. Wie hier noch jemand kontrolliert lenken soll, erscheint unbegreiflich, doch Sean Olsson versichert hinterher: "Ich muss durch jede Kurve einzeln lenken, sonst würden wir irgendwo anecken." Es sei dafür viel Fingerspitzengefühl gefordert. Dieser Kontrast mit der geballten Power, die es fürs Anschieben des Rennbobs braucht, macht für den Olympia-Bronzegewinner von Nagano 1998 die Faszination dieses rasanten Sports aus.

Nach 61,899 Sekunden ist der Spuk schließlich vorbei, wir fahren endlich bergauf, und mithilfe des Bremsers auf Position drei kommt der Siebensitzer direkt vor dem Ausstieg zum Stehen. Die Wahl der schnellen Kufen erwies sich als goldrichtig. Auch die Wahl des 49 Jahre alten Piloten mit mehr als 30 Jahren Erfahrung. In dieser Zeit ist er nur fünfmal gestürzt. Und auch mit dem 4,2 Meter langen Übergrößen-Bob ging alles glatt. Und das, obwohl Olsson und Richardson sich einig sind, dass mit sieben Mann das Maximum definitiv ausgereizt ist.

In einem anderen Eiskanal als in Igls würde der Brite mit dem Nissan-Rekordschlitten übrigens nicht hinunterfahren. Denn, so seine ernüchternde Aussage: "Das ist die kürzeste und langsamste Bahn der Welt." Komisch, hat sich irgendwie anders angefühlt.

Nichts geht mehr: Bei dichtem Schneetreiben gleitet der Siebensitzer über eine steile Startrampe die mehr als einen Kilometer lange Bobbahn hinab. Da die größtenteils aus blutigen Anfängern bestehende Crew lieber darauf verzichtet, übernimmt Projektchef Ian Richardson das Anschieben höchstpersönlich. Fotos (8): David Smith

Hilfe! Erst beim Versinken in den Tiefen der Bob-Verschalung kommt die Erkenntnis: Jetzt gibt s kein Zurück mehr. Für Klaustrophobiker ist die Enge in einem Rennschlitten übrigens nichts.

Wie wichtig der Helm noch werden würde, daran denkt Sportredakteurin Manuela Harant lieber erstmal nicht.

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Erstellt:
11. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
11. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2016, 08:30 Uhr

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