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Rund 120 Besucher lauschten der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte
Da stimmte noch alles: Lauer Sommerabend, lauschiges Plätzchen. Vor Jürgen Jonas (rechts, rotes Hemd) spielt Jürgen Mack den ersten Blues. Neben ihm Renate Hagmeier und Sandy Ullal (von links) in den Lesesesseln. Bild: Sommer
Freunde in schwierigen Zeiten

Rund 120 Besucher lauschten der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte

Kurz vor sieben schien es, als könnten die Kusterdinger am Mittwoch mit einem Leseabend rechnen, wie er im Buche steht: Von lauen Temperaturen bis zu leckeren Häppchen stimmte alles im Klosterhofgarten. Die beiden Vorleserinnen hatten es sich gerade in ihren Ohrensesseln bequem gemacht, da brachte ein Regenguss alles ein bisschen durcheinander.

05.08.2016
  • Christine Laudenbach

Kusterdingen. Unter Kirsch- und Apfelbäumen, auf Stufen und Stühlen: Im Klosterhofgarten gab es am Mittwoch nur noch wenig Plätze, die keinen Interessenten fanden. Die meisten von ihnen offenbar routinierte Geschichtenlauscher: Bevor Moderator und TAGBLATT-Mitarbeiter Jürgen Jonas den Abend für eröffnet erklärte, versorgten sie sich mit einem Glas Rosé oder Mostbowle. Mit Apfelschorle oder Tannenzäpfle. Dessen Hinweis, dass der Kusterdinger Leseabend am selben Datum wie im Jahr zuvor stattfände, und er, Jonas, daher auf die bereits damals abgehandelten Gedenktage verzichten würde, quittierten sie mit wissendem Nicken.

Auf der Bühne gab es ein Novum: Zum ersten Mal standen dort zwei Lesesessel. Und beide waren von Anfang an besetzt: Die Kusterdingerin Sandy Ullal hatte im roten TAGBLATT-Exemplar Platz genommen. Den gescheckten „Beisitzer“ (Jonas) brachte Renate Hagmeier aus Immenhausen mit. Im Vorlesen haben die beiden ehemaligen Lehrerinnen reichlich Erfahrung: Sie gehören zum Team der Kusterdinger Gemeindebücherei, deren Leiterin Margit Krieger-Bauer den Abend im Klosterhof mitorganisierte. Auch die Buchhandlung Osiander war wieder mit im Boot.

Ullal und Hagmeier hatten sich einen Briefroman vorgenommen. Die Korrespondenz zweier Freunde in Zeiten der beginnenden NS-Herrschaft lasen sie abwechselnd – und teilten sich damit gewissermaßen ein Buch. Die gebürtige Amerikanerin Ullal lebt seit 40 Jahren in Deutschland. Sie übernahm den Part des in den USA gebliebenen Max Einsensteins – Jude und engvertrauter Geschäftspartner Martin Schulzes. Dieser kehrt 1932, nach Jahren in San Francisco, mit seiner Familie ins heimatliche München zurück.

Bevor sie „Adressat unbekannt“ von Katherine Kressman Taylor aufschlugen, spielte und sang Bluesgitarrist Jürgen Mack – konsequent ohne Mikro. Viele Zuhörer bemängelten das. Mack sorgte so jedoch dafür, dass es mucksmäuschenstill wurde im Publikum. Jürgen Jonas erinnerte gerade an ein Fernseh-Ereignis, dessen Erstausstrahlung sich 2017 zum 60. Mal jährt, als ihn die ersten Tropfen aus dem Takt brachten. Nur im „Blauen Bock“, der Sendung „unserer Kindheit“, durfte „uns mal die Kellnerin küssen“, rief er ins Gedächtnis. Dann begann das große Stühlerücken.

Der Regenguss reichte „grad zum Leut’ vertreiben“, wie es eine Zuhörerin auf den Punkt brachte. Kaum dass alle im Klosterhof einen Platz gefunden hatten, Glas und Nachbar wieder aufgetaucht waren, klarte es auf. Nicht wenige schauten sehnsuchtsvoll nach draußen. Es sei an diesem Abend halt „alles ein bisschen anders als sonst“, bemerkte der Moderator und behielt Recht. Auch den Hut hätte man um ein Haar vergessen. Am Ende wurde er aber doch noch durch die Reihen geschickt und sammelte 335,20 Euro für die Flüchtlingshilfe Härten ein.

„Die Geschichte auf Rädern“, wie die „Gutenachtgeschichte unterwegs“ auch genannt wird, kam dennoch ins Rollen: „Mein lieber Martin“, begann Ullal den ersten Brief Eisensteins. „Wie gut es sein muss, dort zu leben“, in Deutschland, der alten Heimat. Martin, der an den „treuen alten Gefährten“ antwortet, kann nur zustimmen. Er habe ein Haus mit 30 Zimmern gekauft und lebe in Luxus – obwohl um ihn herum Armut herrsche. „Du würdest das missbilligen“, schreibt der 40-Jährige dem gleichaltrigen Freund. Dank des Einkommens aus der gemeinsamen Kunstgalerie, zähle er zu den Vermögenden.

Ganz bald beginnt sich der Ton der Briefe zu ändern. „Wer ist dieser Adolf Hitler?“, fragt Max besorgt. Seine Schwester sei ans Berliner Theater gewechselt. Ein Brief an sie ungeöffnet zurückgekommen: „Adressat unbekannt“. Der alte Freund möge bitte, bitte helfen. Der jedoch, inzwischen mit Amt und Parteibuch ausgestattet, verbittet sich jede weitere Korrespondenz – und lässt zu, dass Max’ Schwester, mit der er einst eine glühende Affäre hatte, vor seiner Haustür erschossen wird.

Das Ende des Buches ist das nicht. Auch nicht, wie erwartet, das Ende der Freundschaft. Oder vielleicht doch. Nach der Todesnachricht schreibt der Jude weiter nach München. Öfter als zuvor. Über Kontostände und Kunstkäufe. Familienfeste und das kalifornische Wetter. „Hast du kein Mitleid?“, fragt Martin daraufhin. Die Parteimitglieder lehnten, da die Briefe geöffnet würden, seine Einladungen jetzt ab. „Aus alter Freundschaft“ bat er, den Kontakt abzubrechen.

Für den Roman hat Katherine Kressmann Taylor echte Briefe zum Anlass genommen. Er erschien 1938, geriet jedoch lange in Vergessenheit. Erst Jahrzehnte später wurde das Buch ein internationaler Erfolg. Ihr letztes Lebensjahr verbrachte die Amerikanerin nach eigener Aussage glücklich damit, Autogrammkarten zu schreiben und Interviews zu geben. 1996 verstarb sie 93-jährig.

Und das Ende des Buchs? Max bekommt noch einen Brief ungeöffnet zurück. Es ist der letzte an Martin Schulze, München: Kennung „Adressat unbekannt.“

Info: Der TAGBLATT-Lesesessel zieht weiter: Am 11. August, 19 Uhr, macht er im Bürgerhaus Bieringen Station.

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05.08.2016, 01:00 Uhr
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