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Im Bann des Nazigoldes

Rummel um geheimnisvollen Tunnel in Walbrzych - NS-Flair für Touristen

Ein Zug mit Nazigold im polnischen Stollen: Seit Monaten suchen Forscher danach. Morgen wollen sie sagen, ob sie den Stollen finden konnten. Wie auch immer: Vor Ort hat sich das Goldfieber schon gelohnt.

14.12.2015
  • DIETRICH SCHRÖDER

Walbrzych. Das T-Shirt mit dem aufgedruckten Panzerzug kostet 40 Zloty, knapp 10 Euro. Und wer Appetit auf Schokolade hat, erhält für 19 Zloty (4,50 Euro) einen in Goldpapier der "Reichsbank" gewickelten 100-Gramm-Barren.

Im Souvenir-Laden des Barockschlosses Fürstenstein nahe Walbrzych kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Ist man wirklich in einem Land, das vor 75 Jahren von den Nazis heimgesucht wurde? Auch Bücher wie "Das Gold der Generäle" oder "Auf der Spur der Wunderwaffe im Eulengebirge" werden verkauft. "Seit Monaten läuft unser Geschäft wie geschmiert", schwärmt der Chef des Ladens.

Die Berge rings um das einstige Waldenburg sind zerlöchert wie ein Schweizer Käse. Denn seit Jahrhunderten werden hier Kohle und Erze abgebaut.

Das Tunnelsystem unter Schloss Fürstenstein ist jedoch aus einem anderen Grund entstanden. Die Nazis ließen hier vom Oktober 1943 an ein weiteres Führerhauptquartier für Adolf Hitler bauen, nachdem die Wehrmacht in Russland ihre ersten Niederlagen erlitten hatte.

Das wegen der rasch näher rückenden Front nie vollendete Projekt wurde mit dem Codenamen "Riese" versehen, vermutlich weil es bis zum Riesengebirge nicht weit ist. Hunderttausende Kubikmeter Beton wurden in den letzten zwei Kriegsjahren unter der Erde verbaut, vor allem von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen.

In einem der Stollen - etwa zwei Kilometer vom Schloss Fürstenstein entfernt - soll ein gepanzerter Zug stecken. Mit dem haben die Nazis angeblich Ende Januar 1945 Kunstgegenstände und Gold aus der zur Festung erklärten Stadt Breslau abtransportiert. Die Schätze sollen dort vor der sowjetischen Armee versteckt worden sein.

Es war eine kleine Sensation, als der Pole Piotr Koper und der Deutsche Andreas Richter im Sommer verkündeten, sie hätten den Panzerzug in einem verschütteten Stollen am Kilometer 65,2 der Bahnlinie Breslau-Walbrzych geortet. Auf ihren mit Georadar-Geräten angefertigten Aufnahmen sind dunkle Umrisse zu erkennen, die man mit etwas Fantasie als einen mit Kanonen bestückten Zug deuten kann.

Seither ist ein Goldfieber ausgebrochen, das Schatzsucher aus aller Welt anlockt. Die Behörden ließen das Waldstück an der Bahnlinie nicht nur bewachen. Es wurde auch von Bäumen gerodet, damit Wissenschaftler der Bergakademie Krakau eigene Erkundungen zum vermuteten Schacht durchführen konnten.

Das Ergebnis der Studie soll morgen im Rathaus von Walbrzych veröffentlicht werden. Von den Aussagen der Wissenschaftler hängt es ab, ob im Frühjahr Ausgrabungen beginnen sollen.

Der Medien-Rummel ist für einige junge Männer im nahe gelegenen Städtchen Kamienna Góra, dem früheren Landeshut, ein Segen. Sie bauen seit Jahren eine Art lebendiges Museum, für das sie auf Flyern mit dem Titel "Hitlers verschwundenes Labor" werben.

In Schächten, die in einen Hügel nahe dem Stadtzentrum getrieben wurden, war 1943 eine Zweigstelle der Arado Flugzeugwerke GmbH entstanden. Wie viele andere Unternehmen hatte Arado einen Teil der Produktion in die schlesische Unterwelt verlegt, um sie vor Angriffen der Alliierten zu schützen.

Die Szenerie in den Schächten ist noch skurriler als die auf Schloss Fürstenstein. Am Eingang wirbt eine Nazi-Blondine auf einem Plakat: "Hilf siegen als Luftnachrichtenhelferin." Im Tunnel begrüßt uns ein in Wehrmachtsuniform gekleideter junger Mann forsch: "Ausweiskontrolle!"

"Ist doch alles nur ein Spaß", sagt der 30-jährige David Pigas. Er präsentiert die Schätze des Museums: angerostete Maschinenpistolen und Raketenzünder deutscher und sowjetischer Produktion. Eine Enigma-Maschine, mit der das deutsche Militär seinen Nachrichtenverkehr verschlüsselte. Pigas: "Davon gibt es nur drei Stück in ganz Polen."Die größte Attraktion ist ein Modell des Bombers Arado E 555, das die jungen Männer selbst gebaut haben.

"Ich habe nach der Schule eine technische Ausbildung gemacht, aber keinen ordentlichen Job in der Gegend gefunden", berichtet Pigas. Ohne das Museum hätte er Kamienna Góra vermutlich längst verlassen. Jüngst hat das Museum seinen 25 000. Besucher gezählt. Seine Betreiber hoffen auf den Goldzug, damit der Touristenstrom anhält.

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14.12.2015, 08:30 Uhr
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