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Leitartikel · Iran

Ruhanis Rezepte

01.02.2016

Von Martin Gehlen, Kairo

Strahlende Gesichter in Europa. Frankreichs Automanager rieben sich die Hände. Airbus feierte einen Jahrhundertvertrag für 118 Flugzeuge. Italiens Industrie scheffelte Milliardenaufträge. Vergangene Woche tourte Irans Hassan Ruhani durch Europa, nicht mehr als Dunkelmann der Achse des Bösen, sondern als Präsident eines Landes, das frisch aus dem Keller der international Geächteten geklettert ist. Er gab sich aufgeräumt, denn er kam nicht als Bittsteller, sondern als umworbener Großeinkäufer, der nach zwei Jahrzehnten Sanktionen fast alles benötigt, was der Modernisierung dient.

Mit dem Atomabkommen von Wien ist der gordische Knoten durchtrennt im Verhältnis zwischen dem Alten Kontinent und den Erben der 2500-jährigen persischen Geschichte. Viele europäische Regierungen und Geschäftsleute waren dem strikten Sanktionskurs Washingtons nur widerwillig gefolgt. Die Partner aus Teheran galten als gute Kunden, selbstbewusst und kompetent, pünktlich zahlend und zuverlässig. Italien war vor dem Atomkonflikt der wichtigste Handelspartner. Frankreichs und Deutschlands Autokonzerne standen Pate bei Irans Fahrzeugindustrie. Die meisten iranischen Firmenlenker haben in ihren Köpfen den früheren europäischen Lieferanten die Treue gehalten.

Mit dem wirtschaftlichen Frühling werden die politischen und kulturellen Beziehungen neu aufblühen. Die Iraner mit ihrer Zivilisation und Geschichte, ihrem Bildungsniveau und ihrer reichen Kultur haben den Europäern immer gelegen. Das Land ist ein erstklassiges Touristenziel. Kommt der Austausch von Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern wieder in Gang, wird das Debatten beleben und Vertrauen regenerieren. Anders als die Bürger in vielen arabischen Staaten, hegen die Iraner Sympathien für den Westen. Und so setzt Hassan Ruhani bei seiner Öffnungspolitik vor allem auf Europa. Die Bande zu den USA neu zu knüpfen, ist weitaus vertrackter - auch wenn der politischen Elite der Islamischen Republik die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu Washington inzwischen als der Jackpot außenpolitischer Regierungskunst gilt. Doch das Misstrauen sitzt tief. Vielen Iranern ist der vom CIA 1953 organisierte Putsch gegen Mohammed Mossadeq, ihren ersten demokratisch gewählten Premier Irans, genauso unvergessen wie die Waffenhilfe für Saddam Hussein im irakisch-iranischen Krieg von 1980 bis 1988.

Im Verhältnis zu Europa heißt Ruhanis Rezept Wandel durch Annäherung. Seine 78 Millionen Landsleute daheim überzeugte er mit der Formel "Außenpolitik ist Innenpolitik". Eine Entspannung im Äußeren werde eine Entspannung im Inneren nach sich ziehen, versprach der gewiefte Kleriker dem zermürbten Volk. Seine konservativen Kontrahenten treibt das zur Weißglut. Seit dem Atomerfolg in Genf tun sie alles, um dieses brisante Doppelversprechen zu torpedieren. Intellektuelle und Künstler erleben momentan eine massive Einschüchterungskampagne. Die Zahl der Hinrichtungen kletterte auf Rekordniveau. Politische Aktivisten, Journalisten, zuletzt sogar zwei Lyrikerinnen wurden drakonisch bestraft.

Die nächste Kraftprobe, die Parlamentswahlen, steht bevor. Der ultra-orthodoxe Wächterrat blockiert praktisch sämtliche Reformkandidaten. Bliebe es dabei, würde die Abstimmung am 26. Februar zur Farce. Der in Rom und Paris so hofierte Ruhani gerät so kommende Woche daheim wieder in schweres Wetter. Außenpolitik ist Innenpolitik - das Hoch seiner Europareise kann er dabei gut gebrauchen.

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Erstellt:
1. Februar 2016, 08:30 Uhr
Aktualisiert:
1. Februar 2016, 08:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Februar 2016, 08:30 Uhr

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