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Gefahr für die grauen Zellen

Rugby-Spieler erleiden doppelt so viele Gehirntraumata wie Footballer

Rugby ist hart - gesundheitlich gesehen noch härter als Football. Ein Spieler, der mehrere Hirntraumata erleidet, gerät in Gefahr, an Demenz zu erkranken. Daran will beim morgigen WM-Finale keiner denken.

30.10.2015
  • SISSI STEIN-ABEL

Christchurch Als Grant Fox die All Blacks bei der ersten Rugby-Weltmeisterschaft 1987 zum Titel kickte, war er ein Hänfling. Der Spielmacher der Nationalmannschaft Neuseelands, heute Mitglied des Trainerstabs, wog 71,5 Kilo bei 1,75 Meter Größe. 28 Jahre später ist der 1,71 Meter kleine Aaron Smith mit 85 Kilo der leichteste Spieler der All Blacks, die am Samstag (17 Uhr MEZ) im Finale der Weltmeisterschaft im Londoner Stadtteil Twickenham auf Australien treffen. Das Schwergewicht 1987 war Stürmer Richard Loe mit 108 Kilo, heute locker übertrumpft von dem 127-Kilo-Brummer Charlie Faumuina. Im Durchschnitt wiegen die All Blacks des aktuellen Jahrgangs 105 Kilo und damit 15 Kilo pro Mann mehr als die Truppe anno dazumal.

Dieser Wandel hat sich mit Beginn des Profi-Rugbys 1995 innerhalb kürzester Zeit vollzogen. Die Akteure sind massiver gebaut, stärker und schneller - und krachen deshalb beim Tackling mit weitaus größerer Wucht aufeinander als einst. Entsprechend sehen sie hinterher aus. Verrenkte oder ausgekugelte Schultern, gebrochene Joch- und Schlüsselbeine, wüste Cuts im Gesicht, Platzwunden und Prellungen sind ganz normale Verletzungen nach regelkonformen Aktionen. Es ist auch Alltag, dass ein Profi nach einem Spiel aussieht wie ein blutverschmierter Boxer.

Verquollene Blumenkohlohren sind noch die harmloseste Folge der Nahkämpfe. Acht Offensivkräfte pro Team stehen sich dabei in drei Reihen gegenüber. Dieser Männerauflauf, mit jeweils 900 Kilo und mehr, schiebt, was das Zeug hält, und wartet darauf, dass der Ball in die Gasse geworfen wird. Bis vor gar nicht so langer Zeit war es noch erlaubt, dass sich die gegnerischen Haufen mit Schwung aufeinander stürzten. Jetzt müssen sich die Vorderreihen binden, das heißt, der Schub erfolgt aus dem Stand und vermindert das Verletzungsrisiko angeblich um 25 Prozent. Auch die sogenannten "Spear Tackles", bei denen ein Gegenspieler über Schulterhöhe in die Luft geworfen wird und krachend auf den Boden fällt, sind jetzt verboten. Trotz der Regeländerungen belegt eine australische Studie, dass im Rugby drei Mal so viele Verletzungen vorkommen wie im Fußball. Der größte Makel der Sportart sind die vielen Gehirnerschütterungen, die als "heimliche Epidemie" bezeichnet werden und ähnliche Auswirkungen haben wie in der NFL, der Profiliga im American Football. Dort erklärten sich die Versicherungen der Liga in einem Vergleich vor zwei Jahren bereit, rund 4500 ehemaligen Spielern, die aufgrund zu vieler Kopfstöße irreparable Gehirnschäden erlitten haben, insgesamt 675 Millionen US-Dollar zu zahlen. Die NFL hatte die Gesundheitsrisiken des Sports verharmlost. Untersuchungen der Gehirne verstorbener Spieler, auch jener, die wie NFL-Star Junior Seau (2012) Selbstmord begangen haben, lieferten den Beweis, dass die meisten Ex-Profis an Chronisch Traumatischer Enzephalopathie (CTE), auch: Dementia pugilistica, litten, einer aus dem Boxen bekannten Hirnschädigung, bei der die Nervenstränge vernarben. Die schlimmen Spätfolgen sind Verwirrtheit, Demenz, Alzheimer, Parkinson, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen. Eine Studie der höchsten englischen Liga, der Aviva Premiership, in der Saison 2013/14 zeigte, dass im Rugby doppelt so viele Gehirnerschütterungen vorkommen wie im American Football, nämlich 10,5 Fälle pro 1000 Spielstunden.

Auch das WM-Halbfinale war nicht frei davon. Argentiniens bester Try-Scorer Juan Imhoff torkelte benommen vom Platz und kam nach dem vom Weltverband IRB vorgeschriebenen Fünf-Minuten-Test, den Mediziner für fahrlässig kurz halten, nicht wieder zurück. Auch das heutige Spiel um Platz drei (21 Uhr MEZ) wird der Argentinier verpassen. Eine nicht vollständig auskurierte Gehirnerschütterung kann tödliche Folgen haben.

Auch im Finale der Rugby-Weltmeisterschaft in England werden Profis um jeden Ball kämpfen, die mehrere Hirntraumata erlitten haben. Bei den All Blacks sind dies Kapitän Richie McCaw und Nummer Acht, Kieran Read. Der Australier Tatafu Polota-Nau ist solch ein Extremfall, dass ihn Ex-Nationalspieler Peter FitzSimons schon 2012 aufforderte, nach sage und schreibe zwölf Gehirnerschütterungen, mit dem Rugby aufzuhören. Der 30-jährige Hakler spielt noch immer!

Auch Steve Devine kehrte immer wieder zurück, ehe ein Arzt 2007 die Karriere des damals 30-jährigen All Blacks beendete. Seine Warnung an alle Rugby-Spieler: "Denkt daran, ihr könnt euch eine neue Hüfte oder ein künstliches Kniegelenk einsetzen lassen, aber ihr habt nur ein Hirn, für das es keine Ersatzteile gibt." In Neuseeland mit seiner Macho-Kultur wird jedoch die Härte und Rücksichtslosigkeit im Rugby noch immer verherrlicht. Die Fernsehkommentatoren, selbst ehemalige Profis, stoßen bei brutalen Kollisionen Laute der Bewunderung aus, oft sogar von einem Lachen begleitet. Die "enforcer" (zu Deutsch: Vollstrecker) werden gefeiert, die durch ihre brutalen Aktionen ihre Opfer ins Krankenhaus befördern - wenn sie Glück haben, kommen diese mit einem Knochenbruch oder einer Muskelverletzung davon.

Rugby-Spieler erleiden doppelt so viele Gehirntraumata wie Footballer
Beim Zusammenprall schwerer Spieler leidet vor allem das Gehirn. Foto: dpa

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30.10.2015, 12:00 Uhr
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