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Rückkehr zur alten Route
Die Flüchtlingsroute über das Mittelmeer nach Italien könnte bald wieder gefragt sein. Schlepper in Libyen und Ägypten hoffen auf ein Geschäft. Foto: dpa
Schmuggler in Libyen und Ägypten hoffen auf das große Geschäft

Rückkehr zur alten Route

Die Balkan-Route ist für Flüchtlinge geschlossen. Doch über das Mittelmeer könnten sich bald schon wieder große Menschenmengen bewegen. Die Schmuggler hoffen auf goldene Zeiten.

26.03.2016
  • MARTIN GEHLEN

Kairo. Ägyptische und libysche Schlepper reiben sich die Hände. Seit vergangenem September lag ihr Flüchtlingsgeschäft am Boden. Nach dem EU-Gipfel mit der Türkei hoffen sie auf goldene Zeiten. Denn bald könnten sich zehntausende Syrer, Iraker und Afghanen auf die Facebook-Annoncen aus Nordafrika melden, mit denen örtliche Menschenschmuggler ihre Boottrips nach Lampedusa anpreisen.

In Ägypten geht es meist in der Region um Alexandria an Bord und zunächst an der Küste entlang bis nach Libyen. Dort werden die Flüchtlinge auf hoher See in größere Kähne umgeladen, die sie dann nach Italien bringen sollen. In Libyen selbst schieben die Schlepper die Schlauchboote inzwischen nur noch vom Strand aus kurz über die 12-Meilen-Grenze in internationale Gewässer. Dann setzen sie bei den Schiffen der Nato-Operation "Sophia" einen Notruf ab, damit deren Besatzungen die Menschen aus dem Mittelmeer fischen. "Das ist mittlerweile eine wohl organisierte Übergabe", bilanzierte bitter ein europäischer Diplomat. Allein in der vergangenen Woche nahmen deutsche und italienische Kriegsschiffe 3100 Schiffbrüchige an Bord. Westliche Geheimdienste schätzen, dass 150 000 bis 200 000 Fluchtwillige in Libyen warten.

"Migranten wollen nach wie vor in die EU und das organisierte Verbrechen wird ihnen jetzt andere Routen anbieten", erläutert Wil van Gemert, Vizechef von Europol. Über die Italienroute kamen seit Beginn des Jahres bislang 12 000 Flüchtlinge, während in der Ägäis gleichzeitig 143 000 Menschen übersetzten. Nun aber könnten sich die Verhältnisse - wie vor dem September 2015 - umdrehen. "Es besteht das Risiko, dass die Flüchtlingswelle zwei- bis dreimal höher ausfällt wie bisher", warnte kürzlich Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi. Und so befürchten EU-Diplomaten, dass nun auch der Machthaber am Nil das heraufziehende Flüchtlingsdrama vor seiner und Libyens Küste für Milliardenhilfen aus Brüssel nutzen könnte. Behält Al-Sisi mit seinen Prognosen Recht, könnten 2016 zwischen 300 000 und 450 000 Menschen auf Lampedusa stranden.

Um diesen Menschenschmuggel einzudämmen, würde die Nato gerne auch in den nationalen Gewässern Libyens operieren, also die Phase "Sophia 2b" aktivieren. Das jedoch geht nur, wenn eine libysche Gesamtregierung dies erlaubt, die bisher nur auf dem Papier existiert. Alle Versuche des UN-Vermittlers Martin Kobler, das in Tunis ansässige Schattenkabinett der Nationalen Einheit unter Premier Fayez al-Sarraj nach Tripolis zu transferieren, sind gescheitert. Entsprechend düster urteilt der spanische Premier Mariano Rajoy. Libyens Regierung habe nicht die Unterstützung der Parlamente, Mafiabanden organisierten den Flüchtlingsschmuggel und der "Islamische Staat" dehne sich weiter aus, bilanzierte er.

Denn inzwischen stoßen die Gotteskrieger in Libyen auch nach Süden in Richtung der Subsahara-Staaten Niger und Tschad vor und könnten sich bald mit der IS-Filiale von Boko Haram in Nigeria koordinieren. Innerhalb eines Jahres stieg ihre Zahl von wenigen hundert auf mehr als 5000 Kämpfern. Rund um die ehemalige Gaddafi-Geburtsstadt Sirte kontrollieren sie mittlerweile einen 300 Kilometer langen Küstenstreifen. Ihre Regierung gilt als die einzige im Land, die tatsächlich funktioniert. "Wir werden jeden Tag stärker", prahlte IS-Kommandeur Abdul Qadr al-Najdi und nannte Libyen die "Vorhut des Islamischen Kalifates". Und so wächst in Washington und den europäischen Hauptstädten die Sorge, dass sich die IS-Präsenz in dem zerfallenen Post-Gaddafi-Reich zu einer massiven Dauerbedrohung für das Mittelmeer auswachsen könnte.

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26.03.2016, 08:30 Uhr
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