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Rückkehr des Abgestürzten
Hoch die Maß: Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beim Wahlkampf auf dem Volksfest Gillamoos. Foto: dpa
Wahlkampf

Rückkehr des Abgestürzten

Karl-Theodor zu Guttenberg wirft sich im niederbayerischen Abensberg für die CSU ins Zeug. Der einstige Star der Partei kritisiert sein eigenes Fehlverhalten geradezu im Übermaß.

05.09.2017
  • PATRICK GUYTON

Abensberg. Als er vor acht Jahren in dieses Bierzelt im niederbayerischen Abensberg eingezogen war, spielten sie für ihn Hardrock, den er liebt, „Higway to Hell“ von AC/DC. Damals, 2009, war Karl-Theodor zu Guttenberg Bundeswirtschaftsminister, kurz darauf stand er in Berlin dem Verteidigungsressort vor. Es gelang ein kometenhafter Aufstieg zum Politstar, dem damals 37-jährigen CSU-Mann wurde jedes Amt zugetraut. Jetzt steht Guttenberg wieder auf der Bühne des Hofbräuzeltes beim traditionellen Gillamoos-Volksfest und erinnert sich an „Higway to Hell“: „Die Autobahn zur Hölle habe ich dann auf der Überholspur genommen.“

Dieses Mal spielt die Kapelle zu seinem Einzug das Frankenlied, schließlich stammt der Adlige vom Schloss Guttenberg in der Nähe Kulmbachs.

2500 Menschen sind zu diesem Wahlkampf-Frühschoppen der CSU gekommen, so viele wie zum SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz, der zeitgleich einige Meter weiter in einem anderen Zelt redet. „Meine Heimat ist und bleibt Bayern“, sagt Guttenberg. Und über seine Partei: „Die CSU muss für klare Aussprache sein.“ Es ist ein Coup der besonderen Art, dass der in die USA ausgewanderte Ex-Politiker und Ex-Doktor mit der ebenso sagenhaften wie völlig zertrümmerten Vergangenheit für zwei Wochen in den Freistaat kommt, um Wahlkampf zu machen.

Seitdem wird wieder heftiger über ein Comeback spekuliert. CSU-Chef Horst Seehofer heizt das gerne an, weil er es mag, mit Personal zu spielen. Erst gestern sagte er, er halte Guttenberg sowohl in Bayern als auch im Bund wieder für „ministrabel“.

Vor sechseinhalb Jahren war dieser über seine abgeschriebene Doktorarbeit gestürzt, gab in der Politik alles auf. Als Blender, Fälscher und Betrüger wurde er gegeißelt. Mit seiner Familie zog er weg, gründete in den USA eine Beratungsfirma.

„Kann der Ausgewanderte überhaupt noch Bierzelt?“, fragt „KT“, wie er in der Partei genannt wird. Nun ja. Sein überlanger, mehr als 80 Minuten dauernder Auftritt ist eine Bierzelt-Rede der besonderen Art. Es solle „kein außenpolitisches Proseminar“ werden, meint er. Wird es aber doch.

Guttenberg nimmt die Bierzelt-Besucher mit auf eine Reise durch eine Welt voller Unordnung und Zerstörung, voller Krieg, Gewalt und anderer Gefahren. Über die Innenpolitik meint er lapidar: „Davon verstehe ich nichts mehr.“ Es ist dieses – oft gespielte – Understatement, diese die Dinge auf den Punkt bringende Flapsigkeit, die man an ihm sofort wiedererkennt. Auch wenn er kein Gel mehr in den Haaren hat, dafür einen Dreitagebart trägt. Und es ist natürlich auch dieser Charme, die glanzvolle Höflichkeit, die damals viele in regelrechte Verzückung versetzt hatten.

Wegen seines Plagiats-Vergehens braucht man ihn nicht zu schelten, das macht er selbst. Und zwar bald in jedem dritten Satz. „Ich glaube nicht, dass ich den Empfang verdient habe“, sagt er. Und spricht von „selbst verschuldeten dunklen Stunden“, dass er „mit voller Wucht auf die Schnauze“ gefallen sei. Er sei ein „kleiner, abgehalfterter Minister gewesen“, der nach seinem Abgang aber nicht bei einem chinesischen Unternehmen angeheuert hat: „Obwohl ich mich mit Raubkopien auskenne.“

Liberaler in der CSU

Wenn es so etwas gibt, dann ist Guttenberg ein Liberaler in der CSU. Er lobt die Bürger dafür, wie „beispielgebend“ die Aufnahme der Flüchtlinge vor zwei Jahren gewesen sei. In New York habe er das gesehen und sei „unfassbar stolz“ gewesen. Gemäß CSU-Linie schiebt er aber nach: „Es gibt auch Grenzen.“ Die Zuhörer sind ein wenig ermüdet von den Ausführungen, Zwischenapplaus gibt es kaum.

„Irgendwann und immer wieder bin ich gern in diesem Land“, sagt Karl-Theodor zu Guttenberg am Ende seiner Rede – was immer das über seine Zukunft heißen soll. Das CSU-Kalkül jedenfalls geht auf: Die Weltläufigkeit strahlt ein wenig ab auf Bayern, auf die Partei. Horst Seehofer hat wieder einen möglichen Nachfolger mehr, für welches Amt auch immer. Und damit ganz nebenbei seinen Parteifeind Markus Söder geärgert.

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05.09.2017, 06:00 Uhr
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