Das Besondere im Einfachen

Rückbesinnung auf traditionelle Tugenden bei Erzeugern und Konsumenten

Nirgendwo in Deutschland gibt es eine solche Fülle an Nachschub für Feinschmecker wie in Baden-Württemberg. Die vierte Slowfood-Messe ermöglicht jetzt wieder einen appetitanregenden Überblick.

16.04.2010

Von HANS GEORG FRANK

Stuttgart Eine "einzigartige Ess- und Trinkkultur, verbunden mit einer Kulturland(wirt)schaft ersten Grades" zeichnet Baden-Württemberg nach Ansicht von Andreas Eichler (61) aus. Der Unternehmensberater aus Freiburg ist seit kurzem Vorsitzender von Slowfood Deutschland. Kaum ein anderes Bundesland könne "so viele und vielfältige Produkte in die Genusskultur einbringen", sagt Eichler bei der vierten Slowfood-Messe, "das fängt bei der Champagner-Bratbirne an und hört bei der Albschnecke auf".

Bei aller Freude über die "beispielhafte Dichte exzellenter Gastronomiebetriebe", über Äpfel von Streuobstwiesen, Linsen von der Alb oder Hinterwälder Rinder aus dem Schwarzwald, sorgt sich Eichlers Verein um gefährdete Produkte wie das Filder-Spitzkraut, die in der "Slowfood-Arche" vorm Aussterben bewahrt werden sollen. Gleichzeitig gibt es immer mehr kleine Manufakturen, die das Feinkost-Sortiment erweitern - Essigmacher, Dorfkäser, Ölpresser, Kaffeeröster, Destillateure, Straußenfarmer, Pilzkultivierer, Kellermeister und "slow baker", die ihrem Teig viel Ruhe gönnen.

Eine Rückbesinnung auf das "Besondere im Einfachen" stellt Walter Kress (54) aus Hardthausen am Kocher fest. Wenn er eine Gruppe mit Kartoffeln und Quark verköstigt, sind Hummer und Kaviar schnell vergessen. "Da kommt ein Retro-Feeling auf", sagt der Bio-Bauer. Auf seinen Äckern pflanzt er 15 Kartoffelsorten an, darunter "Blauer Schwede" und "Rote Emma". Kress predigt unermüdlich vom vollwertigen Lebensmittel Kartoffel, "sie ist nicht bloß eine Sättigungsbeilage".

Einem solchen Knollen-Missionar folgen bewusste Konsumenten, die sich für die Herkunft der Ware und für den Erzeuger interessieren. Wer sich und seine Produkte gut verkaufen kann, hat es leichter in dieser Szene - Typen sind gefragt. Seelenloses Einerlei, Fließbandkost, Tiermassen in engen Verschlägen, großzügiger Chemieeinsatz sind nicht im Sinn von Slowfood. Damit es noch genügend Landwirte gibt, die kleinere Höfe nachhaltig bewirtschaften können, hat Gärtner Christian Hiss (49) aus Eichstetten am Kaiserstuhl ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Seit 2006 kauft die von ihm gegründete Regionalwert AG landwirtschaftliche Betriebe auf und beteiligt sich an Handelsfirmen. Hiss konnte bereits 350 Aktionäre werben, sie brachten 1,4 Millionen Euro ein. Bis Ende Mai werden weitere 1396 Aktien ausgegeben.

Der schnelle Reibach ist für Anleger aber nicht zu erwarten. Hiss hofft auf die erste Dividende nach fünf Jahren: "Der Zins besteht auch in einer lebenswerten Landschaft, in Lebensqualität und sozialer Gerechtigkeit." Seine AG ist an drei Betrieben beteiligt, ihr gehören zwei, bald drei Bio-Höfe.

Die Zubereitung guten Essens bedarf bester Ausstattung, erklärt der Schreinermeister Roland Löffler (44) aus Neckarsulm und meint damit nicht allein scharfe Messer und robuste Pfannen. Er fertigt Schneidebretter aus so genantem Hirnholz heimischer Obstbäume, für die bis zu 370 Euro berappt werden müssen. Dafür sei ein solches Brett so schnittfest wie ein Hackblock sagt er. Abnehmer seien "Leute, die bereit sind, für bessere Sachen mehr Geld auszugeben". Diese glaubt er auf der Messe zu finden.

Im "Genießerland Baden-Württemberg" sind gute Gasthäuser und vorzeigbare Lieferanten Trümpfe beim Werben um Urlauber. Die Touristikgemeinschaft Hohenlohe übernimmt die Patenschaft für ein Limpurger Rind, dessen Aufwachsen mittels einer Webcam beobachtet werden kann. Nach drei Jahren soll das Fleisch bei einem Fest verspeist werden. Geschäftsführer Andreas Dürr schließt beim Schlachten Wehklagen nicht aus: "Es könnte sentimentale Probleme geben."

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Erstellt:
16. April 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. April 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. April 2010, 12:00 Uhr

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