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Vor der 300. Montagsdemo sehen sich die Gegner von Stuttgart 21 wieder im Aufwind

Routiniert renitent

Was vor fünf Jahren begann, geht nun in die 300. Ausgabe: die Montagsdemos gegen Stuttgart 21. Manch einen hat das Fortschreiten der Bauarbeiten entmutigt, viele aber sind immer noch dabei.

05.12.2015
  • TOBIAS KNAACK

Stuttgart. Eigentlich wollen die vier Jungs nur ein schnelles Video mit dem Handy machen. Kann ja nicht schaden, wenn eine Gruppe vor einem festlich geschmückten Baum steht und die hohe Halle mit ihrem weihnachtlichen Gesang füllt. Doch ihr Drang zur schnellen Dokumentation vermeintlich aufregender Geschehnisse wird den vier Jungs zum "Verhängnis": Susi Lex - Brille, dunkle Haare, T-Shirt mit Wasserwerfer-Bild und der Aufschrift "I survived Stuttgart 21" - drückt ihnen ein Gesangbuch in die Hand. Und so singen sie mit den "Kopfbahnhofsingers" plötzlich "o Kopfbahnhof, o Kopfbahnhof, du liegst uns sehr am Herzen. . ." - ein auf die Melodie von "O Tannenbaum" umgedichtetes Anti-S-21-Lied. Ob das Quartett es versteht, ist eine andere Frage. Sie sind des Deutschen augenscheinlich nicht sehr mächtig.

Die Integration der vier Jungs in den Chor der "Kopfbahnhofsingers" vor dem Weihnachtsbaum in der Halle des Stuttgarter Hauptbahnhofs ist eine der überraschenderen Episoden am Rande der 299. Montagsdemo. Ansonsten kommt die Ausgabe vor dem Jubiläumstreff übermorgen mit der Erwartbarkeit der Show einer Band daher, die schon lange auf Tour ist. Das ist nach fünf Jahren, die es die allmontäglichen Proteste gegen das Bahnhofsprojekt gibt, nicht verwunderlich. Im Gegenteil, es ist verständlich - und die Beharrlichkeit vieler beachtlich.

Zumal in Zeiten, in der die Baugruben tiefer werden und die Bahn mit dem Muster einer Kelchstütze zumindest die Idee des neuen Bahnhofs präsentiert. Etwa 1000 haben sich an diesem windigen Montagabend auf dem Schlossplatz versammelt - sagt Matthias von Herrmann, Sprecher der Parkschützer. "Starke 500" seien es gewesen, meint ein Sprecher der Polizei Stuttgart. So oder so: Früher waren es mehr.

Doch die Projektgegner verspüren Aufwind - insbesondere nachdem das Verwaltungsgericht Stuttgart den Einsatz der Polizei im Schlossgarten am "Schwarzen Donnerstag" als unrechtmäßig und unverhältnismäßig bewertet hat. "Das war emotional wichtig", sagt Rike Kohlhepp. "Es zeigt, dass wir doch noch gewinnen können." Die 48-Jährige sagt aber auch, dass die fortschreitenden Bauarbeiten wehtun, dass sie "seelisch verändern".

Manchen hat das über die Jahre entmutigt. Viele hätten sich verausgabt, bräuchten Abstand, "um sich zu sortieren". Protest kostet Kraft. Aber viele, so ihre Wahrnehmung, kämen auch wieder: "Weil jeder in diesem Projekt etwas findet, das ihn betrifft." Und, "weil es um unsere Lebensgrundlagen geht".

Die Demonstranten stehen vor der Bühne. Sie hören Hans Heydemann von den Ingenieuren 21 zu, der den Brandschutz des Tiefbahnhofs seziert. Sie lauschen Hans-Jörg Jäkel von der Gruppe Nordlichter, der die geplante Statik anprangert. Trillerpfeife da, Tröte dort. Und vor dem Königsbau tutet die Weihnachtsmarkt-Bahn, als beträfe das Thema auch sie.

Die Montagsdemos - für viele auch ein Symbol für Geschlossenheit und Zusammenhalt. "Man darf nicht hoffen, dass es ein anderer für einen tut", sagt Carola Eckstein, selbst Ingenieurin. Man müsse es als Bürger selber tun. Sie sagt das mit Blick auf die Politik; speziell auch auf die Grünen, bei denen es vor dem Regierungswechsel 2011 viele Projektgegner gegeben hatte.

Dennoch: Montag für Montag wird weiter Geschlossenheit und Zusammenhalt demonstriert. Man kennt einander, man grüßt sich. Und wenn man so manche herzliche Umarmung sieht, sind über die Jahre wohl feste Freundschaften entstanden. Die Demo gegen Stuttgart 21 ist ein gewachsenes soziales Gefüge. Es bringt Menschen wie das Ehepaar Hofacker aus Asperg und den Sicherheitsingenieur Harald zusammen, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Das Zusammenstehen der Stuttgart-21-Gegner über Jahre hinweg demonstriert Geschlossenheit, ist aber auch Gewohnheit: Die "Oben bleiben"-Rufe. Rhetorik. Der schnelle Abbau der Bühne. Routine. Der Marsch durch die Königstraße und die Straßenblockade vor dem Bonatzbau. Ritual. Selbst der Mann, der vor dem Bahnhof dann Getränke von einem Kofferwagen aus verkauft, der einst wohl mal der Bahn gehört haben muss. Irgendwie alles routiniert renitent.

Der Tiefpunkt der Bewegung war nach der Volksabstimmung. Das sagen alle. Da habe man sich erstmal schütteln müssen. Hoffnung, dass der Protest wieder anwachse, ziehen sie vor allem auch aus dem Lärm und dem Dreck und den Einschränkungen, die die Baustelle mit sich bringt. Sie erhoffen sich Zulauf, wenn bei manchem Bürger der Leidensdruck steigt. Protest hat eben auch einen langen Atem.

Am Montag nun findet die Jubiläumsausgabe statt - die 300. Montagsdemo. Matthias von Herrmann rechnet mit 6000 Demonstranten. Spezielle Anstecker sind produziert, sogar Küchenbrettchen mit verschiedenen Protest-Motiven wird es geben; Linken-Politikerin Sabine Leidig und Kolumnist Joe Bauer werden Reden halten.

"Und die Menschen tragen Schilder/Jeden Montag sind sie hier/Das geht so noch viele Jahre/Und zusammen halten wir", singen die Kopfbahnhofsingers in der Stuttgarter Bahnhofshalle frei nach Bertolt Brechts "Mackie Messer". Susi Lex, der Protest-Chor und die anderen Demo-Dauerbrenner werden bei der 300. Montagsdemo gegen Stuttgart 21 auf jeden Fall da sein. Und die vier Jungs? Zumindest haben sie von Susi Lex ein Gesangbuch geschenkt bekommen. Vorbereiten könnten sie sich.

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05.12.2015, 08:30 Uhr
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