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Kaputte Putten und ein schwerer Apoll

Rottenburger Restaurator bringt Rokoko-Kunst zum Glänzen

Der Rottenburger Metallrestaurator Hans-Joachim Bleier soll die verwitterten Rokoko-Figuren aus dem Park von Schloss Wilhelmsthal bei Kassel wieder auf Hochglanz bringen. Am Freitag kamen sie an.

26.03.2017

Von Hete Henning

Heil in Rottenburg angekommen: Restaurator Hans-Joachim Bleier mit der Puttengruppe mit Kätzchen auf der Ladeklappe des LKW. Bilder: Henning

Es war genau 14.06 Uhr, als Hans-Joachim Bleier gestern mit seinem Miet-Lastwagen vom Metzelplatz in die Karmeliterstraße einbog. Morgens um neun waren er und seine beiden Helfer Christian Holder und Rolf Hermann in Kassel losgefahren. Dort hatten sie zuvor vier Puttengruppen aus dem Depot des örtlichen Museums aufgeladen, für deren Restaurierung Bleier nach einer öffentlichen Ausschreibung den Auftrag bekam.

Die Putten stammen aus dem Park von Schloss Wilhelmsthal bei Calden nördlich von Kassel. Landgraf Wilhelm VIII. ließ das Schloss, das als eines der schönsten Rokokoschlösser in Deutschland gepriesen wird, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Sommer- und Jagdresidenz errichten. Zu dem Landschaftsgarten rund um das Schloss gehört auch die so genannte Grotte, ein Gebäude mit Wasserspielen an einem künstlichen See, das bis 2009 von den Putten umstanden war. Auch eine lebensgroße Diana,
die römische Göttin der Jagd, sowie ein ebenso großer Apoll, der Gott der Musik und der Bogenschützen, gehören zu dem Ensemble, das jetzt im Zuge des Kulturinvestitionsprogramms der Hessischen Landesregierung restauriert werden soll.

Alle Statuen sind aus Blei gegossen. Die Eisenarmierungen der im wesentlichen hohlen Figuren wurde mit Kolophonium gefüllt, einem Baumharz-Produkt, mit dem auch Violinisten ihren Bogen einstreichen, um dessen Rosshaar-Bespannung stumpf zu machen. Das Kolophonium, erklärt Bleier, sollte die Armierungen schützen und zur Stabilisierung beitragen.

Wind, Wetter, Rostsprengung

Wind und Wetter haben den Putten, der Diana und dem Apoll stark zugesetzt. Die Vergoldung ist, wo sie nicht ganz verschwunden ist, matt geworden, und die Figuren weisen mehr oder weniger starke Risse auf. „Rostsprengung“, sagt der 57-jährige Restaurator Bleier. Wenn Eisen korrodiere, also rostig wird, wachse das Volumen an. Weil für die Ausdehnung wegen des Kolophoniums drum herum der Raum fehlte, sei die weiche Bleioberfläche aufgeplatzt. Auch Schulkinder haben sich auf den Figuren verewigt, indem sie ihre Namen samt Datum einritzten. Jede Wunde, jeder Kratzer, ist sorgfältig nummeriert und dokumentiert.

Bis 2019 sollen alle Scharten ausgebessert, alle Risse geflickt sein und die Statuen wieder in vollem Goldglanz erstrahlen. Wobei der Restaurator vermutet, dass die wohlgenährten kleinen Kinder, die um von Tiere wie ein Kätzchen, einen Löwen und einen großen Waller gruppiert sind, ursprünglich anders aussahen. Sie waren, schätzt Bleier, „mit Bleiweiß angemalt, das schaute aus wie Marmor, war aber wesentlich billiger“. Die Blattgoldoberfläche haben sie Bleiers Meinung nach erst später bekommen.

Der Rottenburger Silberschmiedemeister hat schon viel restauriert in seiner Laufbahn. Monstranzen, Reliquiare und Abendmahlkelche waren ebenso darunter wie die alte Wetterfahne auf dem „Stanis“, das Turmkreuz auf der Sülchenkirche, die Schlösser und Beschläge in der Sakristei im Hohen Dom zu Fulda und die Fenster von Schloss Salem.

Arbeit für 2000 Stunden

Mit Bleigussfiguren wie denen aus Schloss Wilhelmsthal habe er aber noch nie zu tun gehabt, räumt er freimütig ein. „Ich bin sehr stolz, dass ich den Auftrag bekommen habe“, sagt er, „das ist nochmal ein richtiger Aufstieg für mich.“ 2000 Arbeitsstunden hat Bleier einkalkuliert, den Großteil der Arbeit will er im Lauf der kommenden drei Jahre selbst erledigen. Bei der Vergoldung wird ihm der befreundete Rottenburger Restaurator und Liedermacher Christian Holder helfen, der mit in Kassel war, um die Statuen abzuholen.

An der kleinsten der vier Puttengruppen will Bleier sich an die neue Aufgabe herantasten. Die Diana und den Apoll hebt er sich ganz bis zum Schluss auf. Schon beim Abholen stellten sie ihn und seine Helfer vor große Probleme: Mit einem Mietkran mussten sie sie im Park von Schloss Wilhelmsthal vom Sockel heben. Der Apoll erwies sich als schwerer Brocken. Statt 250 Kilo, wie in der Ausschreibung angegeben, wiegt er eine ganze Tonne. Beim Apoll, der offenbar weniger Hohlräume hat als gedacht, „kam der Kran an seine Grenze“, sagt Bleier. „Das war ganz fürchterlich aufregend.“

Jede einzelne Wunde ist nummeriert und dokumentiert.

Zwei Buben und ein Mädchen mit Löwe. „Wenn die Knaben trunken taumeln, lässt der Leu die Zunge baumeln“, dichtete Liedermacher Christian Holder angesichts dieser Puttengruppe gestern spontan.

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Erstellt:
26. März 2017, 00:30 Uhr
Aktualisiert:
26. März 2017, 00:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. März 2017, 00:30 Uhr

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