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Romeo im Dienste der Stasi
Die Hauptdarsteller (von links): Friederike Becht in der Rolle der Sabine Cutter und Tom Schilling als Agent Lars Weber. Sofia Helin spielt Lauren Faber, Ben Becker den Führungsoffizier Ralf Müller. Foto: Erik Lee Steingroever/ZDF
TV-Zeitreise ins Berlin des Kalten Kriegs

Romeo im Dienste der Stasi

Verführung und Liebe als Spionagetechnik: Der ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ ist eine spannende Zeitreise ins Berlin des Kalten Krieges.

25.03.2017
  • SVEN KAUFMANN

Berlin. Ein andauernder Blickkontakt verursacht eine tiefgreifende sexuelle Erregung bei der Frau. Blicken Sie einer Frau vor allem ins linke Auge. Durch das linke Auge führt ein direkter Draht zur weiblichen Emotion.“ Was wie ein Herrenwitz aus der Klischee-Mottenkiste der Psychologie klingt, ist für den Stasi-Ausbilder im neuen ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“ ernste Wissenschaft. Zudem dient die krude Flirt-Anleitung für junge „Romeo-Agenten“ einem staatswichtigen Ziel: Die „postkoitale Beeinflussung zwecks Informationsgewinnung“ – die Ost-Agenten sollen im Bett westliche Mitarbeiterinnen in wichtigen Positionen aushorchen.

Deutschland 1974, ein geteiltes Land unter „einem Himmel“: Die Bundesrepublik verliert in der Fußball-WM gegen das DDR-Team, wird aber Weltmeister. Willy Brandt tritt zurück, weil sein Mitarbeiter Günter Guillaume für die DDR spioniert. Und obwohl es Annäherungen gibt, droht der kalte Krieg heiß zu werden. Auf beiden Seiten wird weiter gerüstet und spioniert. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs sollen noch 15 Jahre vergehen.

Mitten in diese Zeit hinein führt „Der gleiche Himmel“ mit Schauspieler Tom Schilling in der Hauptrolle. Er spielt den Ost-Berliner Romeo-Agenten Lars Weber, der nach West-Berlin eingeschleust und auf Lauren Faber (Sofia Helin) angesetzt wird. Die einsame Alleinerziehende arbeitet im Lauschposten der Briten und Amerikaner auf dem Teufelsberg. Der Gigolo-Spion hat Erfolg – bis seine Quelle plötzlich ausfällt. Webers Führungsoffizier Ralf Müller (Ben Becker) setzt ihn ersatzweise auf die NSA-Mitarbeiterin Sabine Cutter (Friederike Becht) an. Das ändert alles.

„Weißensee“, „Deutschland 83“, und nun „Der gleiche Himmel“ aus der Filmschmiede von Produzent Nico Hofmann: Solche aufwändig inszenierte DDR-Stoffe boomen. Die neun Millionen Euro teure Reihe ist bereits in mehr als 100 Länder und an Netflix verkauft. Kein Wunder, der neue Dreiteiler kann sich locker mit dem Genre-Primus „Unsere Mütter, unsere Väter“ messen.

Zum einen ist die Reihe klasse besetzt. Schilling, der auch schon in dem Weltkriegs-Epos dabei war, spielt verstörend sicher den Überzeugungstäter. Als smarter Stasi-Musterschüler verdreht er seinen Opfern eiskalt den Kopf, bis ihm Zweifel kommen. Ben Becker, ewig rauchend, futternd, stänkernd, zeigt als alter, schmieriger Agenten-Kämpe Mut zur Hässlichkeit. Er offenbart brilliant, wie schmutzig das Spionagegeschäft der legendären Romeo-Agenten wirklich war.

Zum anderen gelingt es Regisseur Oliver Hirschbiegel („Der Untergang“) mühelos, die Zuschauer in die Atmosphäre der 70er in Berlin hineinzuziehen. Sein Anliegen sei gewesen, „weder zu schönen noch schwarz-weiß zu malen“, sagt er, „sondern gleichwertig diese beiden Welten darzustellen und zu erzählen“.

Auch das gelingt: Obwohl dieses Stück deutsch-deutsche Geschichte von Drehbuchautorin Paula Milne erzählt wird – einer Britin. Sie schildert das Leben der Menschen auf beiden Seiten der Mauer und beschreibt das politische Drama aus der persönlichen Geschichte ihrer Figuren heraus. Das macht den Dreiteiler nicht nur zu einem überaus spannenden Agententhriller. Er greift in mehreren Nebenhandlungen auch andere dunkle Aspekte der Mauerjahre auf: Mitläufertum, Staatsdoping, Flucht und Verrat.

Beklemmend etwa ist der linientreue Ehrgeiz von Lars‘ Tante Gita (Anja Kling). Sie will unbedingt erreichen, dass ihre Tochter Klara (Stephanie Amarell) es ins DDR-Schwimm-Team für Olympia schafft. Auch dann noch, als dem Mädchen wegen der Doping-Hormone Haare auf der Brust sprießen. Oder der Verrat am homosexuellen Lehrer Axel (Hannes Wegener), der sich in den britischen Weltenbummler Duncan (Richard Pepper) aus dem Westen verliebt und nach „Drüben“ will. Die Wahrheiten, die in „Der gleiche Himmel“ genannt werden, sind bitter. Für Ostalgie lässt der Film keinerlei Platz.

Dieser Mix macht den Dreiteiler zu einer mitreißenden Geschichtsstunde auch für jene, die die Teilung Deutschlands nicht mehr erlebt haben. Er ist eines jener Filmereignisse im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, bei denen man froh um jeden bezahlten Gebühren-Cent ist – und von denen man mehr sehen möchte. Unwahrscheinlich ist das nicht. Das Ende von „Der gleiche Himmel“ – so viel sei verraten – ließe eine Fortsetzung durchaus zu.

Sendetermine: Montag, Mittwoch, Donnerstag, jeweils 20.15 Uhr, ZDF. Dazu gibt es eine zweiteilige Doku bereits am Sonntag, 23.35 und Montag, 0,05 Uhr.

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25.03.2017, 06:00 Uhr
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