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Literatur

Romanhelden aus Plastik

Michael Sommer will Schülern Bücher und Theaterstücke schmackhaft machen. Seine Clips mit Playmobilfiguren sind YouTube-Hits.

27.02.2018

Von MARCIA ROTTLER

„Krieg und Frieden“ ist ungefähr 1600 Seiten dick. Michael Sommer schildert die Geschichte in zehn Minuten. Foto: Michael Sommer

Ulm. Klack, klack, klack, der Gott aus Plastik stiefelt auf die Mini-Bühne. Die Playmobilfigur mit Brille und Bart wird von einer Hand geführt. Die verschwindet, taucht Sekunden später wieder auf, mit zwei weiteren Figuren. Eine Stimme ertönt: „Mit dabei: Gott der Herr, begleitet von seiner Boygroup aus Erzengeln.“ Klack, klack, klack, schon treten sie wieder ab, aber sofort geht es in diesem Video von Goethes „Faust“ weiter.

Auf Michael Sommers Küchentisch spielen sich Dramen ab. Dort ringen Faust und Mephisto miteinander, finden Liebende zusammen und sterben Helden. Dort erschießt sich Werther, und Romeo besucht seine Julia. Was zwischen zwei Buchdeckel gehört, wird in Sommers Wohnung lebendig – mit Playmobilfiguren vor der Kamera.

500 Köpfe stark ist sein Ensemble. 800 Seiten „Schuld und Sühne“ fasst Sommer in zwölf Minuten zusammen, Goethes „Faust I“ in 9 Minuten. Die Aufführungen en miniature veröffentlicht Sommer, der bis vor vier Jahren Dramaturg am Theater Ulm war und heute in München lebt, auf seinem YouTube-Kanal „Sommers Weltliteratur to go“.

Literatur ist sperrig, muss es sein, wie Sommer sagt. „Ich möchte den Jugendlichen eine Türe zur Lektüre öffnen.“ Und: „Ich möchte den Lustfaktor aus der Literatur herausholen.“ Seine Zutaten: Wissen und Witz, Spiel und Sprache – und Playmobil.

Der 41-Jährige hat Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte studiert und seinen Master in Oxford gemacht. Literatur sei oft „unverständlich, grausam und anstrengend“, sagt er. Aber „wenn man sich richtig damit beschäftigt, dann kann sie auch lustig und spaßig sein“.

„Dantons Tod“ könne man nicht mit 17 Jahren lesen und schön finden, sagt Sommer. „Jedes Buch hat seine Zeit.“ Trotzdem müssen Schüler das Werk kennen. Die leicht konsumierbaren Videos sollen Jugendlichen einen Zugang verschaffen, ihnen das Lesen schmackhaft machen. Am beliebtesten sind die bislang rund 250 Videos bei Schülern, die auf eine Klausur lernen – jede Woche kommt eines hinzu. Wenn es auf die Abiturprüfungen zugeht, steigen die Zugriffszahlen nochmal. „Die Videos ersetzen nicht das Lesen“, sagt Sommer, „sie sollen Werbung dafür machen“.

Platz für Deutungen gibt's in Sommers Filmen wenig. Kompliziertere Handlungen versucht er den Zuschauern dennoch zu erklären. In seiner eigenen Version, der humorvollen. Etwa Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“: In seinem Video erklärt Sommer die Ode „Frühlingsfeier“. „Guten Tag, mein Name ist Klopstock, und in meiner Ode ,Die Frühlingsfeier', um die es hier Werther und Lotte geht, geht es um die erhebende Erfahrung eines Frühlingsgewitters, darum, wie ein Tropfen am Rand eines Eimers hängt, um die Frage, ob Käfer eine Seele haben und ob der Blitz jetzt in unser Haus einschlägt oder nicht. Vielen Dank.“

Ein Ritter mit Mediensucht

Wer anspruchsvolle Literatur liest, versteht die Botschaften nicht sofort. Sommer möchte sie vermitteln, Bezüge zur heutigen Zeit herstellen. Ein Beispiel: „Don Quijote“. 1000 Seiten stark und 400 Jahre alt ist das Buch. Klüger und moderner könnte es aber nicht sein, sagt Sommer. „Der Ritter nimmt alles durch eine Brille wahr. Heute hätte er wohl Mediensucht.“ Oder auch Goethes „Faust“. Mit rund 430?000 Aufrufen ist es das beliebteste Video auf seinem Kanal „Weltliteratur to go“. Die Welt von Mephisto und Faust mag uns fremd sein, aber „der Autor hat Figuren, Gefühle und Stimmungen in Worte gefasst, die unvergänglich sind und hängen bleiben“.

Sommer will „den Coffee to Go von ,Sex and the City' auf die Literatur übertragen“. Dass ihm das gelingt, beweist seine Fangemeinde: Fast 51 000 Abonnenten hat Sommer auf YouTube. Leben könne er von seinen Videos nicht, sagt das 41-jährige Herrchen der Bulldogge Watson. Hauptberuflich ist er Lehrer, und er schreibt Kindermusicals. Zuletzt „Rumpelstilzchen“, das am Theater Ulm zu sehen war. Regie über sein Plastikensemble führt er in seiner Freizeit. Einen Tag braucht er für einen Film – plus Zeit zum Lesen. Denn: „Ich lese alles selbst durch. Das ist meine Qualitätssicherung.“

Und was sind seine Lieblingswerke? „Je mehr ich lese, desto weniger habe ich das eine, wichtige Buch. Ich finde, dass jedes Lebensalter seine Lektüre hat.“ Brillant und lyrisch geschrieben sei „Die Atemschaukel“ von Herta Müller. Für Neugierige: Das Werk gibt?s in Michael Sommers Katalog auf YouTube. Was er gerne noch in Angriff nehmen möchte, ist „Das Kapital“ von Karl Marx. „Dafür fehlt mir im Moment aber die Zeit.“

Und: die Bibel. „Das wäre mein Jahresprojekt.“ Aber er hat es sich fest vorgenommen: Adam und Eva, Jesus und seine Jünger werden über seinen Küchentisch stiefeln, klack, klack, klack.

Michael Sommer mit seinem Ensemble. Foto: Antonia Pütz

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Erstellt:
27. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2018, 06:00 Uhr

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