Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Roman statt Gezwitscher
Renate Hartwig (links) und ihre Mitarbeiter haben das Manuskript fertiggestellt. Nun erklärt Kunstlehrer Florian Adler (rechts) die Technik, mit der die Ilustrationen entstehen. Foto: Paul Hartwig
Unterricht

Roman statt Gezwitscher

Hauptsache spannend: Die Autorin Renate Hartwig erarbeitet mit Siebtklässlern des Pforzheimer Hilda-Gymnasiums über ein Schuljahr hinweg ein Jugendbuch.

13.10.2017
  • MARTIN HOFMANN

Pforzheim. Kann man mit pubertierenden Pennälern einen Roman schreiben? In der Schule? Im ganz normalen Unterricht? Ist diese Generation nicht auf 140 Zeichen gebucht? Auf WhatsApp-Gezwitscher, Stakkato-Sätze, wahlweise ohne Subjekt oder Prädikat? Man kann vielleicht nicht. Renate Hartwig, Autorin aus Nersingen bei Ulm, liebt solche Herausforderungen. Ein Schuljahr lang hat sie viele Montagnachmittage im Pforzheimer Hilda-Gymnasium verbracht und 25 Siebtklässler auf eine „Reise zwischen zwei Buchdeckeln“ mitgenommen.

Wohin sollte diese gehen? Schlagworte bildeten den Auftakt des Projekts. „Lasst Eure Phantasie fliegen“, riet Hartwig den Schülern. Zu klären war, was für ein Roman entstehen und welche Themen die fiktive Geschichte umfassen sollte. Von A wie Ausgrenzung über F=falsche Freunde bis T wie Thriller reichten die Vorschläge. Klasse und Autorin einigten sich auf 21 Schlüsselbegriffe für die Story. Nun stand ein Gerüst, und Renate Hartwig begann es mit 28 Kapiteln zu füllen.

Lange Debatten

Jeden Schulmontag brachte sie ein Kapitel mit und las es vor. Eine Debatte über Ereignisse und Personen, ihre Charaktere, ihr Verhalten schloss sich an. „Wieso heißt der Olaf?“ Der Name des Roman-Protagonisten missfiel den Jugendlichen. Doch Renate Hartwig hatte ihn mit Bedacht gewählt. Unter den 1000 Schülern des Gymnasiums gab es keinen Olaf. Und da er erst spät einsieht, wohin seine Aufwiegelei im Roman führt, sollten unpassende Identitäten vermieden werden.

Dafür debattierten die 12- und 13-Jährigen intensiv über Olafs Strategien, andere für sich einzunehmen, einzuspannen und sich durchzusetzen, verglichen Figuren mit lebenden Personen, identifizierten Parallelen in den Rollen, die sie im Klassengefüge einnehmen. Sie plädierten lange für einen offenen Schluss, konnten sich aber auch da gegen die Autorin nicht durchsetzen. Sie halfen ihr jedoch mit Detailwissen über technische Vorgänge, suchten aus einem knappen Dutzend Vorschlägen den Titel des Buches aus. Sie illustrierten jedes Kapitel mit Druckwerken.

„Einsturzgefährdet“ ist halb Kriminal-, halb Gesellschaftsroman. Er spielt in der fiktiven Stadt Plochen, könnte sich aber in Pforzheim oder Plochingen zutragen. Es geht um eine Drogentote, die zuvor nie als Konsumentin aufgefallen war und an einem ungewöhnlichen Ort gefunden wird. Ein mysteriöses Unglück zwingt die Stadt, für Schüler einer Werkrealschule Ersatzräume zu finden. Im Gymnasium wehren sich Jugendliche, angefixt von einer anonymen Internet-Gruppe, gegen die Aufnahme der „Hauptschüler“. Rasch scheinen tiefe Gräben zwischen Jugendlichen aufzubrechen. Die Freundschaft zweier Schülerinnen zerbricht daran. Im Gymnasium herrscht ganz dicke Luft. Parallel dazu ermittelt ein erfahrener Hauptkommissar den Mordfall und klärt einen Teil der Vorkommnisse auf.

„Wir haben der Welt da draußen gezeigt, dass Siebtklässler viel mehr können als Kurznachrichten auf WhatsApp“, fasst Renate Hartwig das Ergebnis des Projekts zusammen. Von Disziplinproblemen mit einer „schwierigen Klasse“ kann sie nichts berichten. Die Offenheit, mit der ihr die Schüler begegneten, hat sie überrascht. Warum? „Ich habe sie ernst genommen“, sagt Hartwig.

Dem 13-jährigen Paolino gefiel, dass die Klasse mitentscheiden konnte, was es für ein Buch (Gruselgeschichte, Krimi, Liebesroman) werden sollte, wie die Story weitergehen konnte und die Debatten, „welche Themen noch reinzubringen“ waren. Ein Schuss Science-Fiction hätte ihm zugesagt. „Doch das passte dann nicht mehr.“ Hauptsache spannend. Leonie (13), eher Fantasy-Fan, spricht von einer „coolen Erfahrung, mitzuentscheiden, wie sich eine Geschichte entwickelt und „das Ergebnis jetzt lesen zu können“. Die Lektüre könnte Gleichaltrige anstiften, mal nicht aufs Display zu starren, sondern die Augen zwischen Buchdeckeln auf Wanderschaft zu schicken.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

13.10.2017, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
 
Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular