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Ohne Pionierhalsband kein Lob vom Lehrer

Rollenspiel-Experiment an Freiburger Schule lässt DDR-Unterricht lebendig werden

20 Jahre Mauerfall - für die meisten Schüler ist das Ereignis heute kaum greifbar. In Freiburg hat sich eine Klasse auf ein Experiment eingelassen: Schüler wurden zu Akteuren einer DDR-Schauschulstunde.

04.11.2009
  • RÜDIGER SINN

Freiburg Zeitreise ins Jahr 1985. Die Klasse 9b der Lessing-Realschule Freiburg versetzt sich in die damalige DDR. Frau Lehmann steht im grauen Kostüm aus DDR-Zwirn vor 32 Schülern, die eine dritte Klasse darstellen sollen. Über der Tafel prangt das Bild des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker. "Für Frieden und Sozialismus seid bereit!", ruft Frau Lehmann den Schülern zu Unterrichtsbeginn zu. "Immer bereit", schallt es zurück. "Na, das klappt ja prima", freut sich die Klassenlehrerin. Was dann folgt, ist eine Lehrstunde aus der DDR-Vergangenheit. Frau Lehmann - sie heißt eigentlich Elke Urban und ist Leiterin des Schulmuseums Leipzig - unterrichtet die Schüler mit freundlich einlullender Stimme davon, dass die Klasse nun bald eine Truppe der Nationalen Volksarmee besuchen wird. Der Vater des Schülers Mario ist dort Offizier und scheint wirklich wichtig zu sein - "mit seiner schmucken Uniform", sagt Frau Lehmann. Ungewollt wird aus dem eher schüchternen Mario der Streber, der immer wieder für seine Taten gelobt wird.

Ganz anders ergeht es da André, dessen Rolle der 15-jährige Walid einnimmt. Er ist der einzige in der Klasse, der kein blaues Pionierhalstuch trägt. Eine Auszeichnung, die wichtig war, um eine ordentliche schulische und berufliche Laufbahn einzuschlagen. Von Beginn an wird er von Frau Lehmann gemobbt: "Gut, dass André beim Fahnenappell ganz hinten stand, schließlich hat er noch kein Halstuch", sagt sie. "Wir wollen uns ja nicht blamieren."

Die Einschüchterung setzt sich fort, und der simulierte Unterricht von Elke Urban - einer Expertin für das Schulleben in der DDR, die den Schulalltag als Schülerin und später als Lehrerin miterlebt hat - zeigt eindrücklich, welche offensichtlichen und auch subtilen Methoden schon in der Grundschule angewandt wurden, um die Schüler auf die Seite des Staates zu bringen. Ein Micky-Maus-Heft eines Schülers gibt Frau Lehmann Anlass, über die "Schundliteratur aus der BRD" zu referieren ("Das ist ganz gefährlich, wir haben selbst so schöne Zeitschriften, wir haben das gar nicht nötig"). Auch Kleidung aus dem Westen wird nicht geduldet: Der betreffende Schüler muss seinen "Made in Germany"-Pulli ausziehen und auf links drehen, um sich den Gang zum Rektor zu ersparen.

An den Beispielen zeigt sich aber auch die Beeinflussbarkeit der Freiburger Schulklasse: Hatte Frau Urban im Vorgespräch noch eindeutig appelliert, sich "zu wehren, wo es eben geht", ist davon im Unterricht nicht viel zu spüren. Kein Schüler steht Mobbingopfer André zur Seite, und etliche Schüler quittieren den West-Pulli mit "Schäm dich"-Rufen.

"Ihr habt sehr gut gespielt", lobte Elke Urban - fragte aber gleichzeitig, weshalb niemand etwas unternommen hatte. "Sie waren so nett", meinte eine Schülerin. Eine Aussage bleibt ebenso haften: "In der dritten Klasse ist die Lehrerin das Vorbild, und da widerspricht man nicht gerne."

"Vergesst bitte alles sofort wieder, was ich euch in dieser Stunde beigebracht habe, riet denn auch Elke Urban nach der Schulstunde. "Das ist Blödsinn und Schnee von gestern." Dieser Unterricht allerdings, bei dem die Schülerinnen und Schüler selbst zu Akteuren wurden, wird hängen bleiben.

Rollenspiel-Experiment an Freiburger Schule lässt DDR-Unterricht lebendig werden
Schulstunde unter Honeckers Augen: In Freiburg haben Schüler eine Kostprobe von der subtilen Indoktrination im DDR-System bekommen. Foto: Rüdiger Sinn

Rollenspiel-Experiment an Freiburger Schule lässt DDR-Unterricht lebendig werden

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04.11.2009, 12:00 Uhr
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