Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Mängel im Vollzug

Rita Haverkamp sprach über Frauen in Gefängnissen

Kaum Fortbildungsmöglichkeiten und zu wenig Personal führt tendenziell zum „Verwahrvollzug“: In der Sommeruni sprach Rita Haverkamp über Frauen in Gefängnissen.

24.07.2014

Von Miri Watson

Tübingen. Während seit vergangenem Jahr die amerikanische Serie „Orange Is The New Black“ über Insassinnen eines Frauenknasts Erfolge feiert, gibt es hierzulande kaum Diskussionen über weibliche Kriminelle und deren Unterbringung in Gefängnissen. Die Tübinger Juristin Prof. Rita Haverkamp habilitierte 2010 über Frauen im Strafvollzug und stellte einige ihrer Ergebnisse am Mittwoch bei einer Vorlesung der Sommeruni vor, zu der 50 Zuhörer gekommen waren.

Markant ist vor allem die ungleiche Verteilung der Kriminalität auf die Geschlechter: Sowohl die Anzahl der straffälligen Frauen ist im Gegensatz zu den Männern geringer als auch die Schwere ihrer Verbrechen. Die Straftaten mit hoher weiblichen Beteiligung sind hauptsächlich so genannte „Orchideen-Delikte“, also Straftaten, die im Vergleich nur sehr selten verübt werden. Das Ausüben von verbotener Prostitution ist beispielsweise ein Verbrechen, das zu 93 Prozent von Frauen begangen wird. Haverkamp merkte dazu an, dass sie eine Einstufung als Ordnungswidrigkeit nachvollziehbarer finden würde. Für eine Änderung des Gesetzes gäbe es aber jährlich einfach zu wenig Fälle dieser Art, dadurch sei das Thema wenig relevant.

Verbrechen, die mit Kindererziehung zu tun haben, wie etwa die Verletzung der Fürsorgepflicht, werden auch hauptsächlich von Frauen begangen. Das kann auch damit zusammenhängen, dass Frauen noch immer häufig die Hauptfürsorge tragen. Ein niedriger Frauenanteil unter den Straftätern findet sich bei Gewaltdelikten: Erpresserischer Menschenraub oder Vergewaltigungen werden kaum durch Frauen verübt und wenn, dann unterscheiden sich die Verbrechen auch in ihrer Art von denen der Männer.

Es sei „recht angenehm“ mit Mörderinnen zu sprechen, verriet Haverkamp bei ihrem Vortrag. Das liege daran, dass die im Gespräch „erfrischend normal“ seien und oft nicht dem Klischee einer kaltblütigen Killerin entsprächen. „Wenn Frauen ihren tyrannischen Mann umbringen, der sie jahrelang geschlagen hat, dann muss das oft heimtückisch geschehen, weil sie sich sonst nicht zu wehren wissen.“ Da Heimtücke als Mordmerkmal gilt, würden also auch Frauen als Mörderinnen verurteilt, die vorrangig versucht haben, sich selbst zu schützen.

Da nur 5,6 Prozent der Strafgefangenen Frauen sind, gibt es in Deutschland nur sieben Frauenvollzugsanstalten. Dadurch entsteht aber das Problem, dass viele Frauen fern von ihrer Heimat untergebracht werden, wobei jene mit einem Kleinkind womöglich sogar noch weiter weg müssen, da es nicht überall eine Mutter-Kind-Abteilung gibt. Allerdings gibt es nur für etwa die Hälfte der weiblichen Strafgefangenen Platz in den Frauengefängnissen. Der Rest ist in Frauenabteilungen der Männervollzugsanstalten untergebracht. Wegen der relativ geringen Zahl an Gefängnis-Insassinnen gibt es weniger und qualitativ schlechtere Ausbildungsmöglichkeiten im Frauenvollzug. Wer einen Beruf lernen möchte, kann nur zwischen klassischen Frauenberufen wählen. Wahrgenommen werden die Angebote sowieso hauptsächlich von Frauen mit eher günstigen sozio-ökonomischen Ausgangsbedingungen.

Insgesamt zog Haverkamp das Fazit, dass ein Mangel an personellen und finanziellen Kapazitäten bestehe, wodurch der Frauenvollzug die Tendenz zum „Verwahrvollzug“ habe: Anstatt den Insassinnen die Möglichkeit zu geben, die Zeit sinnvoll zu nutzen, müssten sie diese einfach absitzen. Archivbild: Metz

Rita Haverkamp

Zum Artikel

Erstellt:
24. Juli 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juli 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+