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Verkehr

Richtig oder falsch? Zehn Vorurteile zur Zukunft des Autos

Wir fahren künftig nur noch E-Fahrzeuge, die mit Ökostrom gespeist sind. Das ist alles andere als sicher. Genauso wie die Behauptung, der Diesel stehe vor dem Aus.

22.11.2019

Von Thomas Veitinger & Dorothee Torebko

Dem E-Auto gehört angeblich die Zukunft. Foto: aanbetta/Shutterstock.com

Ein Urteil lässt sich bekanntlich widerlegen, aber niemals ein Vorurteil. Dies gilt erst Recht beim Thema Auto. Wir versuchen es trotzdem und untersuchen zehn Vorurteile rund um des Deutschen liebstes Kind.

1 Der Diesel ist tot. Falsch

Der Diesel ist nach wie vor sehr beliebt. Im Oktober lag der Anteil des Diesels hierzulande bei den Verkäufen bei 30,9 Prozent. Damit ist er nach dem Benziner (57,7 Prozent) die zweitbeliebteste Antriebsart. Nichtsdestotrotz hat der Diesel seit dem Betrugsskandals 2015 deutlich Anteile verloren. Damals lag der Selbstzünder bei gut 50 Prozent.

2 Deutschland liegt bei der Elektromobilität Lichtjahre zurück

Falsch, sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management an der Fachhochschule für Wirtschaft in Bergisch Gladbach (CAM). „Bei den Plug-In-Hybriden ist Deutschland Markt- und Innovationsführer.“ In Sachen reiner E-Autos sieht es anders aus. „Da ist Deutschland im Mittelfeld, denn die deutschen Hersteller waren mit Ausnahme von BMW Nachzügler bei der Elektromobilität“, weiß der Autoexperte. Marktführer ist Tesla. Deutsche Hersteller werden ihren Rückstand von zwei bis drei Jahren aufholen können.

3 Hunderttausende Arbeitsplätze sind in Gefahr

Richtig. Es wird einen Rückgang von Arbeitsplätzen geben. Denn bei Elektroautos müssen weniger Teile verbaut werden, zudem wird die Produktion effizienter. Das bestätigen die großen Automobilkonzerne, Zulieferer, Berater sowie Wissenschaftler, sind sich aber über die Höhe nicht einig. 800 000 Beschäftigte gibt es in der Autobranche. Prognosen reichen zwischen dem Wegfall von 125 000 (Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation) und 360 000 Stellen (Umweltverband BUND). Das CAM rechnet mit einem Wegfall von 120 000 bis 150 000 Arbeitsplätzen.

4 Autokonzerne wollen nur noch E-Autos verkaufen

Falsch. Im Gegenteil. E-Autos machen noch einen geringen Anteil aus. Die Autohersteller verkaufen weiter hauptsächlich Verbrenner. Plug-in-Hybride, Erdgasautos sind im Kommen genauso wie Fahrzeuge mit Brennstoffzellen. „Doch über diese Antriebe wird nicht so viel berichtet wie über E-Pkw. Deshalb laufen sie unter dem Radar“, erläutert Bratzel. Er rechnet damit, dass die Konzerne den Verbrenner noch brauchen werden. E-Autos seien aber unabdingbar, um die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen.

5 Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ist ein Autominister

Falsch. Blickt man auf die nackten Zahlen im Staatshaushalt, stimmt das zwar. Für die Straße wird mehr Geld ausgegeben als für die Schiene. Jedoch ist Scheuer der erste in einer Reihe von CSU-Verkehrsministern, der sich dem Radverkehr, der Schiene sowie alternativen Antrieben (E-Roller, Carsharing, Ridepooling) überhaupt annimmt. So investiert der Bund so viel wie noch nie in die Bahn und unterstützt Kommunen mit Projektmitteln für den Ausbau der Radinfrastruktur. Auch eine Überarbeitung der Verkehrsregeln, die die Rechte von Radfahrern stärkt, ist in Arbeit. Ferner wird das Personenbeförderungsgesetz modernisiert, sodass Ridepooling-Anbieter mehr Rechte bekommen.

Minister Andreas Scheuer kümmert sich nicht nur um die Belange des Autos. Foto: Michael Kappeler/dpa

6 Autos werden insgesamt unattraktiver

Falsch. Der Wunsch nach Mobilität nimmt weltweit zu. Nach einer Studie des Mineralölkonzerns Aral und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt wird das Auto auch 2040 das zentraleFortbewegungsmittel bleiben.Die Zahl der Autos soll laut Unternehmensberater PwC zwar zurückgehen, der Verkehr aber zunehmen: Durch Carsharing werden sich auch Menschen ins Auto setzen, die nie gefahren sind. Der Individualverkehr steigt, der Warenaustausch etwa in Regionen mit wenig entwickelten Eisenbahnnetzen und Schifffahrtswegen auch.

7 Elektroautos überlasten das Stromnetz

Falsch. Der Jahresstromverbrauch in Deutschland liegt bei 520 Terawattstunden. Eine Million E-Autos verbrauchen 2,4 Terrawattstunden, also nur ein halbes Prozent des Gesamtbedarfs. Sollten in einer Straße aber alle Bewohner ihre Autos gleichzeitig laden und dazu noch viel Strom in den Häusern verbrauchen, müsste die Ladeleistung nach heutigem Stand begrenzt werden. Daran arbeiten Energieunternehmen. Ausreichend ausgebaute Netze gelangen aber nicht an ihre Grenzen.

8 Es gibt Alternativen zum E-Antrieb, um den CO2-Ausstoß zu verringern

Richtig. Die beste Treibhausgas-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus in der Golf-Klasse hat vor dem E-Auto das Erdgasfahrzeug, wie die Forschungsgesellschaft Joanneum Research im Auftrag des ADAC herausgefunden hat. Das E-Auto kann seine Vorteile erst nach 127 500 Kilometer (Benziner) oder 219 000 (Diesel) ausfahren. Allerdings nur bei der Nutzung des derzeitigen deutschen Strommixes. Noch ist etwa der Kohleanteil hoch, dieser soll aber bis zum Jahr 2050 zugunsten regenerativer Energie auf 21 Prozent fallen. Erdgas- und Brennstoffzellenautos stehen wenige Tankstellen zur Verfügung. Synthetischer Kraftstoff ist bislang ineffizient und viel zu teuer. VW bietet dagegen ein bilanziell komplett CO -neutrales Auto an.

9 Es gibt zu wenige Lademöglichkeiten

Richtig. In Deutschland lässt sich erst an 21 100 öffentlichen Ladepunkten Strom zapfen. Aber ihre Zahl wächst rasant. Bis 2030 werden eine Million Ladepunkte entstehen, steht im Masterplan Ladeinfrastruktur. 70 Prozent der Ladevorgänge finden sowieso zu Hause oder am Arbeitsplatz statt. Ein Gesetzesentwurf sieht einen Rechtsanspruch für Wohneigentümer und Mieter vor, Ladestation errichten zu dürfen. Bis Ende 2020 soll es 400 Schnelladestationen entlang europäischer Hauptverkehrsachsen geben.

10 Es gibt zu wenig Rohstoffe für Batterien

Falsch. Die meisten wichtigen Rohstoffe gibt es genug. Mit den Lithium-Vorkommen ließen sich bereits Batterien für Milliarden E-Autos produzieren. Der Anteil an Kobalt soll mittelfristig halbiert werden. Es wird auf Hochtouren geforscht. Dazu kommt ihre Recyclingquote, die langfristig 97 Prozent betragen soll. Richtig ist, dass der Abbau von Kobalt meist unter schweren Menschenrechtsverstößen stattfindet, etwa im Kongo. BMW etwa lässt sich deshalb aus Marokko und Australien beliefern und möchte den Anteil ab 2021 „deutlich reduzieren“; Tesla will sogar ganz darauf verzichten. Bei Karbonfasern, Aluminium und Magnesium könnte es Lieferschwierigkeiten geben.

Kein Plan für den Ausbau des Ladenetzes

Wie viele Ladesäulen für E-Autos sollen in den kommenden Jahren in Baden-Württemberg entstehen? Das wollte die FDP-Bundestagsfraktion in einer Kleinen Anfrage wissen. Die Antwort der Bundesregierung: „Dazu liegen keine Kenntnisse vor.“ Bisher gibt es 3111 Normalladepunkte und 435 Schnellladepunkte. Wie viele Ladesäulen an Bundesstraßen bis 2025 hinzukommen, ist der Bundesregierung unbekannt.

Der FDP-Verkehrspolitiker Christian Jung mit dem Wahlkreis Karlsruhe-Land bemängelt: Die Bundesregierung müsste dies jedoch wissen, um „eine flächendeckende Versorgung“ in Baden-Württemberg zu gewährleisten.

Auch die große Diskrepanz von LNG- (1) und CNG-Tankstellen (101) kritisiert der Abgeordnete. Mit LNG, einem Flüssigerdgas, sind vor allem Schiffe unterwegs. Bald sollen damit Lkw auf Deutschlands Straßen angetrieben werden. Das Erdgas CNG tanken hierzulande auch Pkw. „Die freie Entscheidung, welche neue Antriebstechnologie gewählt wird, ist somit nicht möglich“, sagt Jung über die geringe Anzahl an LNG-Tankstellen. ⇥dot

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Um Tesla ranken sich besonders viele Mythen. Richtig ist: Tesla hat reine Elektroautos begehrenswert gemacht – und fährt damit weltweit Erfolge ein. Selbst in Deutschland liegt die Marke bei neu zugelassenen Stromern mit einem Marktanteil von 18 Prozent vorn. In ganz Europa kommen die Amerikaner sogar auf 30 Prozent – eine Verdopplung innerhalb eines Jahres. Zu verdanken ist das Wachstum fast ausschließlich dem Model 3. Dies kann immer mehr Kunden von einem batterieelektrischen Auto überzeugen. Denn Tesla stellt unter Beweis, dass E-Mobile nicht nur attraktiv aussehen, sondern tatsächlich auch große Reichweiten haben können – und das zu deutlich niedrigeren Preisen, als bei Tesla zuvor üblich.

Tesla-Chef Elon Musk will ein Werk in Ostdeutschland errichten. Foto: Jae C Hong/AP/dpa

Dass Chef Elon Musk trotzdem ein Loblied auf die deutsche Ingenieurskunst und die deutsche Qualität singt und sein neues großes Werk vor den Toren Berlins bauen will, hat gute Gründe. Zwar hat die Marke die monatelangen Anlaufschwierigkeiten bei der Massenfertigung des Model 3 auch mit Hilfe deutscher Partner halbwegs in den Griff bekommen. Doch an der Qualität muss Tesla, gerade angesichts der wachsenden Konkurrenz aus Deutschland genauso wie aus China, noch deutlich arbeiten. Denn so toll der riesige Touchscreen aussieht, mit dem im Model 3 fast alles gesteuert wird, so sehr stört die zum Teil nachlässige Verarbeitung. Deutliche Knister- und Klappergeräusche, stark schwankende Spaltmaße, abplatzender Lack und schlechte Assistenzsysteme werden immer wieder kritisiert.

Musk kann mit seiner Entscheidung für Berlin-Brandenburg zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Qualität seiner Autos erhöhen und gleichzeitig nah am Kunden in Europa produzieren, ganz ohne Angst vor den Auswirkungen eventueller Strafzölle haben zu müssen. Hajo Zenker

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Erstellt:
22. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. November 2019, 06:00 Uhr

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