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Richter verknackt Lehrer
Der Musiklehrer Phillip P. im Saal des Amtsgerichts in Neuss. Foto: dpa
Unruhige Klasse sollte nachsitzen – Gericht: Das war Freiheitsberaubung

Richter verknackt Lehrer

Die letzte Schulstunde war laut und die Schüler waren unruhig. Da setzte sich der Lehrer quer vor die Klassentür. Nun muss er selbst nachsitzen.

25.08.2016
  • FRANK CHRISTIANSEN, DPA

Neuss. Es war laut, es war unruhig, seinen Unterricht zum „Teufelsgeiger“ Paganini konnte Musiklehrer Phillip P. abhaken. Deswegen verpflichtete der 50-Jährige seine sechste Klasse einer Realschule in Kaarst zum Abschreiben des Wikipedia-Eintrags über den Musiker. Was sich dann abspielte, trug dem Lehrer am Mittwoch – pünktlich zum Beginn des neuen Schuljahres in Nordrhein-Westfalen – eine Verurteilung wegen Freiheitsberaubung ein.

Zum Ende der Stunde hatte der Pädagoge sich quer vor die Klassentür gesetzt. Wer raus wollte, musste den abgeschriebenen Text vorzeigen. „Alle wollten schnellstmöglich abgeben, damit sie nach Hause gehen konnten“, berichtet Schüler J. im Zeugenstand. Doch mehrere Schüler durften zunächst nicht gehen, und Schüler J. wurde recht unsanft zurückgeschoben. Da rief ein anderer per Handy die Polizei. In der Klasse würden Schüler festgehalten und geschlagen.

Amtsrichter Heiner Cöllen attestierte dem Lehrer in Neuss, zu weit gegangen zu sein – „bei allem Verständnis für den schweren Job“. Den Stoß in den Bauch des Schülers wollte der Richter aber nicht wie die Anklage als Körperverletzung werten und sprach den Lehrer von dem Vorwurf frei. Von einer Geldstrafe sah Cöllen ab und beließ es bei einer „Verwarnung mit Strafvorbehalt“: Wenn der Lehrer sich zum Umgang mit schwierigen Schülern fortbilde, also quasi selbst nachsitze, könne er sich 1000 Euro Geldstrafe ersparen.

„Bedenklich“, sagt die NRW-Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Dorothea Schäfer: „Es sollte möglich sein, dass Schüler auch mal fünf Minuten länger in einer Klasse bleiben.“ „Das Ende des Unterrichts bestimmt der Lehrer – sonst niemand“, sagt auch Udo Beckmann vom Lehrerverband VBE, zeigt aber Verständnis für das Urteil: „In der Regel hat der Lehrer den Schüler nicht anzufassen. Damit geht er einen Schritt zu weit.“ Schüler dürften nicht körperlich am Verlassen des Klassenraums gehindert werden.

„Es hat ein bisschen wehgetan“ – so Schüler J.: Der Lehrer habe ihn mit der Faust in den Magen getroffen. Absicht wolle er ihm aber nicht unterstellen. Er habe lediglich einen Vordrängler zurückgeschoben, sagte Lehrer P.. Sich in einer Reihe anzustellen, müsse möglich sein und notfalls beigebracht werden. Eine reine Strafarbeit ohne pädagogischen Wert sei die Abschreiberei gewesen, fand der Vertreter der Staatsanwaltschaft und beantragte 1500 Euro Geldstrafe.

Zuvor war die Behörde bereit gewesen, das Verfahren gegen 300 Euro Geldauflage einzustellen. Doch der Musikpädagoge hatte abgelehnt, weil er sich für unschuldig hielt: „Es ging mir nicht ums Geld“, betonte er. Sein Unterricht sei keine Strafarbeit gewesen und er müsse nicht alle Schüler gleichzeitig aus dem Klassenraum stürmen lassen. Ob er sich mit dem Urteil abfinden werde, wisse er noch nicht. Dabei habe er nichts gegen die Fortbildung: „Ich bin offen für Tipps.“

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25.08.2016, 06:00 Uhr
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