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Richard Haumann fuhr mit dem Rad von Athen nach Peking: "Manchmal ist auch Demut gefragt"

Der Tübinger Arzt Richard Haumann wollte dem "Seidentraßen-Mythos nachspüren", sagte er vor seiner Tour dem TAGBLATT. So machte sich der 55-Jährige mit dem Rad und 15 anderen Fahrern am 18. Februar auf die rund 14.000 Kilometer lange Strecke von Athen nach Peking. Von Athen, der Olympiastadt von 2004, ging's über die Dardanellen nach Anatolien, entlang des Schwarzen Meeres bis nach Georgien, ans Kaspische Meer, nach Turkmenistan, durch Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und durch Kasachstan an die chinesische Westgrenze. Ein knappes halbes Jahr später kam er am vergangenen Mittwoch, 6. August, in der neuen Olympiastadt Peking an. Zunächst fuhr die Gruppe eine Ehrenrunde um den Tiananmen-Platz ("Platz vor dem Tor des himmlischen Friedens"), dann radelte sie zum Olympiastadion. Am Sonntag, 10. August, geht's mit dem Flieger zurück nach Tübingen. Wir haben Richard Haumann kurz nach seiner Ankunft in Peking per E-Mail interviewt.

08.08.2008

TAGBLATT Online: Herr Haumann, wie ist die Luft in Peking?

Richard Haumann: Deutlich besser als bei meinem letzten Aufenthalt vor zwei Jahren. Es ist etwas dunstig, aber nicht so stickig wie erwartet. Der Verkehr ist echt reduziert, und ich habe keine Lastwagen auf den Straßen gesehen.

Wie groß ist der Spaß, in Peking Rad zu fahren?

Es war eine richtige Gänsehautatmosphäre, um den Platz des himmlischen Friedens zu radeln. Heute sind wir zum Olympiastadion raus geradelt. Die Straßen waren für Autos gesperrt und für Radfahrer frei. Die Autofahrer sind rücksichtsvoll. Die Radspuren sind sehr breit. Überall stehen Helfer und Verkehrslotsen, um Hilfe zu geben, zum Beispiel beim Links-Abbiegen. Radfahren ist problemlos und entspannt möglich.

Bemerken Sie etwas vom olympischen Flair?

Die großen Straßen sind alle mit Olympiafahnen geschmückt. An vielen Brücken sind Transparente angebracht, in vielen Sprachen - darunter auch deutsch. "One world one dream" ist sehr präsent. In den Straßen ums Olympiagelände herrscht bereits eine tolle Stimmung. Wir wurden ständig angesprochen, begrüßt und fotografiert. Eine bereits wirklich tolle olympische Begegnungsstimmung mit Menschen aus sehr unterschiedlichen Regionen dieser Welt.

Wie fühlen Sie sich nach 175 Tagen und 14.032 Kilometern auf dem Rad?

Bis zum Tiananmen-Platz habe ich in 175 Tagen 640 Stunden 14.032 Kilometer und 93.542 Höhenmetern hinter mich gebracht. Ich fühle mich ein bisschen müde, aber ansonsten fahre ich weiter gerne Rad.

Können Sie noch sitzen?

Sitzen war nach kleinen Problemen in Griechenland mit meinem ergometrisch, urologisch und andrologisch korrektem Sattel problemlos. Meine Hornhaut würde noch weit tragen.

Welches Erlebnis auf Ihrer langen Tour werden Sie nie vergessen?

Als ich bei starkem Gegenwind und acht Grad in der turkmenischen Wüste das Verkehrsschild "Samarkand 1.448 km" erreichte und innerlich verzweifelte.

Gab es Momente, in denen Sie ans Aufhören dachten?

Nein, nie wirklich. Ich hatte immer wieder sehr viel Spaß an der Herausforderung der Strecke und am Radfahren. Wichtig war auch die klasse Begleitung durch einige Mitradler/innen.

An welches Essen denken Sie gar nicht gerne zurück?

An manche zentralasiatische Hammelsuppe und an das Frühstück bestehend aus einer achtel Fischkonserve und einem kleinen alten Stück Fladenbrot.

Gab es kritische Momente, etwa aggressive Grenzposten, Soldaten, Polizisten oder gar Räuber?

Die einzigen kritischen Augenblicke waren ein fürchterliches Gewitter in Kirgistan. Dabei wurden wir um ein Haar in einen See gespült. Wirklich lebensgefährlich war die Abfertigung an der kasachischen Grenze. Hier wurden wir mit einem unfassbaren Maß von Machtspiel und Verachtung in eine sehr bedrohliche Paniksituation gebracht. Leider wurde ich auch erheblich verletzt.

Wie oft waren Sie als Arzt auf der Reise gefordert?

Es gab mehrere schwere Stürze, Rippenbrüche und einen Schlüsselbeinbruch. Eine schwere Gehirnerschütterung und mehrere Platzwunden. Viele Verletzungen wären durch Tragen eines Schutzhelms vermeidbar gewesen. Schade. Ansonsten traten vor allem teilweise schwere Durchfallerkrankungen auf. Insgesamt hatte ich genügend Gelegenheiten, meine Fähigkeiten zu erhalten.

Sind Sie selbst gesund geblieben?

Bis auf eine leichte eintägige Magen-Darm-Infektion in Xian bin ich selbst gesund geblieben.

Sind alle, die in Athen gestartet waren, auch in Peking mit dem Rad angekommen?

Ein Teilnehmer war seit Dunhuang ausgefallen. Konnte aber die letzten zehn Kilometer wieder mitradeln. Alle kamen in Peking also auf dem Rad an.

Am 1. September sind Sie wieder in Ihrer Praxis. Was machen Sie bis dahin? Wie schwer wird Ihnen der Einstieg fallen?

Meine Kollegen haben mir bereits eine Führung durch die Räume angeboten... Nein, zunächst möchte ich Zeit mit meiner Familie verbringen, und dann freue ich mich auf den 1. September und bin selbst gespannt auf meinen Start.

Ein halbes Jahr lang auf dem Rad und immer unterwegs: Was hat sich dadurch bei Ihnen geändert?

Die anhaltenden und bleibenden Prozesse sind jetzt nicht wirklich zu beschreiben. Ich bin sicherlich sehr viel gelassener und ruhiger geworden. Beim Radfahren sind die Grenzen klar definiert - Berge. Wüste, Wind setzen klare Rahmenbedingungen. Manchmal ist auch Demut gefragt. Ein bisschen davon in den Alltag zu retten, wäre schön.

Wohin geht die nächste Radtour? Vielleicht zur Fußball-WM nach Südafrika?

Schöne Idee, aber sicher ohne mich. Mein Ziel ist jetzt, diese Reise gut zu Ende zu bringen. Konkrete Pläne hege ich nicht. Aber eine weitere Radreise kann ich mir gut vorstellen. Radfahren bietet eine ideale Reisegeschwindigkeit und viele Möglichkeiten, Menschen, Länder und sich selbst ein bisschen besser kennenzulernen.

Die Fragen stellte Manfred Hantke

Richard Haumann fuhr mit dem Rad von Athen nach Peking: "Manchmal ist auch Demut gefragt"
Richard Haumann (links) dreht mit seinen Radlerkollegen eine Ehrenrunde um den Tiananmen-Platz in Peking.

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08.08.2008, 12:00 Uhr
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