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Im Ford erschossen

Richard Epple war auf der Flucht vor der Polizei

Vor 40 Jahren wurde Richard Epple erschossen. Der 17-Jährige aus Breitenholz war auf der Flucht vor der Polizei. Er hatte zwei Sperren durchbrochen. Es war die Zeit der RAF und der RAF-Jäger.

01.03.2012
  • Manfred Hantke

RAF-Hysterie: Der Tod Richard Epples

Videoplayer konnte nicht geladen werden.

© Zeit-Zeugnisse 09:12 min

Tübingen / Breitenholz. Bis zum 1. März 1972, jenem Tag, an dem Richard Epple von einem Polizisten mit mehreren Kugeln in Herrenberg-Affstätt erschossen wurde, hatte die Rote Armee Fraktion (RAF) der Republik in einem bis dahin nicht gekanntem Ausmaß zugesetzt.

Es war die so genannte erste RAF-Generation, die Kaufhäuser in Brand steckte, Banken überfiel, Sprengstoffanschläge verübte und dem Staat unmissverständlich den Kampf ansagte. Das „Konzept Stadtguerilla“ mit der Kalaschnikow und der Abkürzung RAF wurde zum Markenzeichen der Terroristen. Nach rund 50 Mitgliedern fahndete die Polizei 1971. Überall hingen die Fahndungsplakate aus.

Die erste Tote war Petra Schelm von der RAF. Sie starb am 15. Juli 1971. Im Oktober desselben Jahres erschoss die RAF einen Polizisten, im Dezember starb „Stadtguerillero“ Georg von Rauch. Weitere Schießereien und Banküberfälle folgten. Während die Boulevard-Presse die Angst schürte, die Regierung Brandt Anfang Januar 1972 den Radikalenerlass beschloss, verfiel die Republik in Hysterie.

Die Finger waren inzwischen bei Polizisten und Terroristen schnell am Abzug, schreibt Stefan Aust in seinem Standardwerk über den „Baader-Meinhof-Komplex“. Und: „Wer zuerst schießt, überlebt“, gibt er einen Beamten wieder. Schon bald sprachen viele vom „Polizeistaat“.

Richard Epple war auf der Flucht vor der Polizei
Der 17-jährige Richard Epple wurde am 1. März 1972 in diesem Ford von Polizistenkugeln tödlich getroffen. Archivbild: Grohe

Richard Epple aber konnte gar nicht schießen; er hatte keine Waffe. Der 17-jährige Lehrling war ein Autonarr. Er besaß keinen Führerschein, war aber schon öfter mit einer BMW-Isetta oder einem Opel Kadett im Wald und auf den Wiesen bei Breitenholz unterwegs gewesen. An jenem Mittwochabend des 1. März traf ihn sein älterer Bruder Erich noch am Pfäffinger Bahnhof. Nach Alkohol habe er gerochen, er saß hinter dem Steuer eines nicht zugelassenen Ford Taunus 12 M.

Damit fuhr der 17-Jährige nach Tübingen. In der Wilhelmstraße fiel er einer Streife wegen einer Verkehrswidrigkeit auf. Obwohl er aufgefordert wurde, anzuhalten raste Epple davon. Die Verfolgungsjagd begann. Epple fuhr in Richtung Herrenberg, die Streife mit Blaulicht und Martinshorn hinterher. Über Funk wurden Kollegen verständigt.

Versuchte die Streife, den Ford zu überholen, drängte der 17-Jährige sie ab, gefährdete auch den Gegenverkehr. Zwei Straßensperren durchbrach der Flüchtende mit hoher Geschwindigkeit, beim zweiten Mal hätte er beinahe einen Polizisten überfahren. Der sprang noch rechtzeitig zur Seite.

Auch RAF-Mitglied Petra Schelm hatte einige Monate zuvor mit einem BMW eine Polizeisperre durchbrochen und preschte an den mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten vorbei. Als sie gestellt wurde und auf einen Polizisten schoss, feuerte dieser zurück.

Epple aber fuhr keinen BMW – jene Marke, die damals bei den RAF-Terroristen hoch im Kurs stand, wie Aust schreibt. Doch es war wohl die Rücksichtslosigkeit, mit der Epple seinen 12 M an diesem Abend durch die Sperren jagte. Die ließ die Polizisten einen kriminellen oder terroristischen Hintergrund annehmen. Über Funk wurde „Feuer frei!“ gegeben. Einer der in Herrenberg-Affstätt postierten Beamten schoss zunächst mit seiner Dienstpistole, dann griff er zur Maschinenpistole und feuerte aus dem Seitenfenster auf den flüchtenden Epple. Sieben Kugeln trafen den 17-Jährigen, er war sofort tot.

In den Tagen danach erschienen zahlreiche Artikel und noch mehr Leserbriefe im TAGBLATT. Ein Tübinger „Solidaritätskomitee Richard Epple“ sammelte Spenden. Davon konnte die Familie die Beerdigung zahlen. In Hearings wurde der Fall diskutiert, auf Demonstrationen wurden Polizei und Staat angegriffen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart stellte die Ermittlungen nach drei Wochen ein: Die Polizei habe die „Grundsätze des Mindesteingriffs und der Verhältnismäßigkeit“ nicht verletzt. Wenige Jahre später nahm sich der Schütze das Leben.

Im Sommer 1972 erhielt das von jungen Leuten am 24. Juni besetzte Haus Karlstraße 13 den Namen „Jugendzentrum Richard Epple“.

Info: Das Epplehaus zeigt zu seinem 40. Geburtstag im Juni auch eine Ausstellung über die eigene Geschichte. Zu Richard Epple und dem Jugendhaus Epple haben die beiden Studierenden der Medienwissenschaft Anna Agostini und Stefan Reuter für die Zeitzeugnisse ein Video gedreht. Darin kommt Ex-Polizist Theo Keller zu Wort, der vor dem heranfahrenden Ford auf die Seite sprang. Auch Thomas Bauschert, einer der Besetzer des Epplehauses, wird interviewt. Das Video ist heute Abend zu sehen.

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01.03.2012, 12:00 Uhr
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